Ich freue mich sehr, Lucy Larbi im Rahmen des FemalExperts Role Model Interviews begrüßen zu dürfen. Als Initiatorin und Co Founderin von AiDiA setzt sie sich dafür ein, Schwarze Unternehmer*innen und Talente in Deutschland sichtbarer zu machen und ihnen Zugänge zu Netzwerken, Kapital und wirtschaftlicher Teilhabe zu eröffnen.
Was als Idee für einen afrodeutschen Startup Pitch begann, hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer Plattform entwickelt, die Entrepreneurship, Innovation, Community und Kultur miteinander verbindet. Im Interview spricht Lucy über ihren persönlichen und beruflichen Weg, ihre Motivation hinter AiDiA, strukturelle Hürden im deutschen Gründungsökosystem, Female Entrepreneurship und ihre Vision für eine vielfältigere Wirtschaft.
1. Liebe Lucy, bevor wir über AiDiA und deine Arbeit sprechen: Wer bist du persönlich und welche Erfahrungen in deinem bisherigen Leben haben dich zu der Frau gemacht, die du heute bist?
Ich bin Lucy Larbi, Hamburgerin, Unternehmerin, Zukunftsdenkerin und Initiatorin von AiDiA. Zu der Frau, die ich heute bin, haben mich viele Dinge gemacht, aber mein Elternhaus hat mich sehr früh geprägt. Mir wurde schon als Kind gesagt, dass ich wahrscheinlich doppelt so hart arbeiten muss, um manches zu erreichen, was für andere selbstverständlicher ist. Gleichzeitig wurde mir dieser Anspruch vorgelebt. Meine Mutter war damals die zweite Schwarze Busfahrerin in Hamburg, mein Bruder war Auswahlspieler beim HSV und galt als großes Fußballtalent. Leistung, Zielstrebigkeit und der Wille, Möglichkeiten wirklich zu nutzen, waren bei uns sehr präsent. Dazu kam ein Umfeld aus sehr ambitionierten Menschen und mein eigener Drang, Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern zu verändern. Das begleitet mich bis heute. Ich denke sehr stark in Zukunft: Was ist heute da und was können wir daraus morgen machen?
2. Du hast Internationale Beziehungen und Staatswissenschaften studiert und später unter anderem als Management Consultant Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation begleitet. Welche Stationen deines beruflichen Weges haben dich besonders geprägt und was davon begleitet dich heute noch in deiner unternehmerischen Arbeit?

Besonders geprägt hat mich mein Doppelmaster an der Universität der Vereinten Nationen. Dort habe ich mit Menschen studiert, die unter anderem von Cambridge, Harvard oder Oxford kamen. Plötzlich war mein sozialer Hintergrund nicht mehr sichtbar. Ich war einfach eine Studentin unter sehr leistungsstarken, privilegierten Menschen. Das hat meinen eigenen Anspruch enorm verändert und mir gezeigt, wie stark Umfeld und Zugang beeinflussen, was wir uns selbst zutrauen. Später kam meine Arbeit als Unternehmensberaterin hinzu. Schon in meinem ersten Projekt musste ich weitgehend eigenständig beim Kunden arbeiten und eine große Versicherung bei der Transformation ihres Datenmanagements begleiten. Danach habe ich große agile Transformationen und Organisationsprojekte verantwortet. Dort habe ich gelernt, wie Führung, Prozesse und Kundenorientierung tatsächlich zusammenspielen. Genau das ist bis heute mein Verständnis von Organisationsentwicklung: Der Mensch allein löst es nicht und der perfekte Prozess allein auch nicht. Gute Organisation entsteht dort, wo Mensch und Prozess miteinander funktionieren. Und ich sage gerne: In keinem Alter und bei keinem Erfolg sollte man beratungsresistent sein. Mentoring und Menschen, die einem einen anderen Blick geben, bleiben wichtig.
3. Du engagierst dich bereits seit vielen Jahren für die Sichtbarkeit und wirtschaftliche Teilhabe Schwarzer Menschen in Deutschland. Gab es einen bestimmten Moment, in dem für dich klar wurde, dass du selbst aktiv Strukturen verändern möchtest?
Ja. Ich kann mich bis heute an eine Unterrichtsstunde auf dem Gymnasium erinnern. Wir beschäftigten uns im Erdkundeunterricht mit dem ökologischen Fußabdruck und ich fragte meinen Lehrer unwissend und damals aus einer Weißen Perspektive fragend: Warum ist Afrika arm und Europa reich? Er konnte mir darauf keine Antwort geben. Eigentlich wollte ich Psychologie studieren, weil mich Menschen schon immer fasziniert haben. Aber diese Frage ließ mich nicht mehr los. Deshalb studierte ich Internationale Beziehungen und später Staatswissenschaften. Ich wollte verstehen, warum Ressourcen, Macht und Chancen so unterschiedlich verteilt sind und warum Schwarze Menschen so selten dort mit am Tisch sitzen, wo Entscheidungen getroffen werden. Im Studium verstand ich, dass die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Europa und vielen afrikanischen Staaten nicht einfach entstanden ist, sondern historisch produziert wurde: durch Kolonialismus, die Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen und Wirtschaftsstrukturen, in denen über Jahrhunderte Wert aus afrikanischen Gesellschaften abgeschöpft wurde, ohne dass dieser Wert dort gleichermaßen Wohlstand aufbauen konnte.
Und irgendwann war mein Gedanke sehr einfach:
Die Geschichte kann ich nicht ändern. Aber ich kann an der Zukunft arbeiten. Ich kann Strukturen schaffen, in denen Schwarze Menschen wirtschaftlich teilhaben, gründen, investieren und Entscheidungen mitgestalten. Genau daraus ist später auch AiDiA entstanden.
4. 2020 entstand die Idee zu AiDiA. Welche Lücke im deutschen Startup Ökosystem hast du damals wahrgenommen und was wolltest du mit AiDiA von Anfang an anders machen?

Die Lücke war für mein Team und mich nicht, dass es zu wenige Startup Angebote gab. Die gab und gibt es. Die Frage war: Wer findet darin sichtbar statt? Wenn man auf viele Startup Events schaut, sieht man häufig ein sehr ähnliches Bild: Weiß, männlich, ca. 25-38 Jahre alt. Dann könnte man zu dem Schluss kommen, andere Gründer:innen gäbe es einfach nicht. Aber sie sind da. Genau das beweist AiDiA seit Jahren. Das Problem sind häufig unsichtbare Barrieren. Wenn niemand in einer Jury aussieht wie ich, wenn ich keine anderen Schwarzen Gründer:innen sehe, wenn mir die Netzwerke fehlen oder ich nicht weiß, wie ich an Kapital komme, kann formal zwar jede Tür offen sein, aber ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass dieser Raum für mich gedacht ist. Mit Irene Aniteye, Daniel Tiemor, Shanice Sintim, Jeff Jacobson, Louisa Schätz und Lenoard Konrad und vielen weiteren des AiDiA Teams arbeiten wir seither dran, drei zentrale Lücken zu schließen: Wissen, Kapital und Netzwerk. Wir machen sichtbar, dass die Innovationskraft Deutschlands längst auch durch Ideen aus der Afro-Diaspora mitgetragen wird. Seit unserer Gründung haben wir über 400 Startups begleitet und mehr als 180.000 Euro Equity Free Funding ermöglicht. Ich sage gerne:
Auch eine schwere Tür braucht nur einen kleinen Schlüssel. AiDiA soll genau so ein Schlüssel sein.
5. Du hast einmal sinngemäß beschrieben, dass wirtschaftliche Relevanz dazu beitragen kann, neue Narrative über Schwarze Menschen in Deutschland zu schaffen. Warum ist Unternehmer*innentum für dich ein so wichtiger Hebel für gesellschaftliche Veränderung und mehr Chancengerechtigkeit?
Weil Bilder Möglichkeiten schaffen. Über Schwarze Menschen existieren in Deutschland noch immer sehr begrenzte Narrative. Wir sehen Schwarze Menschen selbstverständlich im Sport, in Musik oder Entertainment. Viel seltener sehen wir sie als Unternehmer:innen, Investor:innen, CEOs oder Menschen, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Nicht weil sie dort nicht existieren, sondern weil dieses Bild gesellschaftlich noch nicht selbstverständlich ist. Und Narrative haben Konsequenzen. Wenn wir immer wieder sehen, wer gründet, wer investiert und wer führt, prägt das unsere Vorstellung davon, wem wir diese Rollen zutrauen und auch, was junge Menschen sich selbst zutrauen. Unternehmerinnentum ist deshalb für mich ein sehr konkreter Hebel für Chancengerechtigkeit. Wer gründet, schafft nicht nur ein eigenes Einkommen. Unternehmer:innen schaffen Produkte, Arbeitsplätze, Vermögen, Netzwerke und im besten Fall neue Vorbilder. Wirtschaftliche Teilhabe verändert damit nicht nur individuelle Biografien, sondern langfristig auch Machtverhältnisse. Mein Ziel ist deshalb nicht, ein positives Gegenklischee zu bauen. Ich möchte, dass das Bild vollständiger wird. Ich möchte in einer Welt leben, in der Merkmale, die uns unterscheiden, nicht zur Unterscheidung führen.
6. Bei FemalExperts beschäftigen wir uns intensiv mit Female Entrepreneurship. Wenn mehrere Benachteiligungen zusammenwirken, können sich die Herausforderungen noch einmal verstärken. Was erleben Schwarze Frauen im Gründungsökosystem aus deiner Sicht anders und welche Strukturen braucht es, damit ihre Ideen und ihr wirtschaftliches Potenzial stärker wahrgenommen werden?

Frauen haben im Startup Ökosystem grundsätzlich noch andere Ausgangsbedingungen als Männer. Für Schwarze Frauen können sich diese Barrieren zusätzlich überlagern: Sie erleben Herausforderungen als Frauen und gleichzeitig solche, die mit Rassifizierung, fehlender Repräsentation oder fehlendem Verständnis ihrer Märkte zusammenhängen. Das kann dazu führen, dass Ideen später ernst genommen, Zielgruppen unterschätzt oder Geschäftsmodelle schlicht nicht verstanden werden. Gerade darin steckt aber wirtschaftliches Potenzial. Ein gutes Beispiel ist der Markt rund um Afrohaare und Textured Hair. Schwarze Gründerinnen kennen Bedürfnisse, Produkte und Konsumverhalten aus eigener Erfahrung und erkennen dadurch Märkte, die in klassischen Entscheidungsrunden leicht übersehen werden. Dass daraus relevante Innovation entstehen kann, sehen wir auch in unserer eigenen AiDiA Community. Ein gutes Beispiel ist KYND Hair von Gründerin Cosima Richardson: Das Unternehmen hat Europas erstes plastikfreies, pflanzenbasiertes Braiding Hair entwickelt, das non toxisch, biologisch abbaubar und speziell auf die Bedürfnisse Schwarzer Menschen ausgerichtet ist. Das zeigt für mich: Unterschiedliche Lebensrealitäten sind nicht nur eine Frage der Repräsentation. Sie können Marktwissen sein. Wenn Entscheidungsgremien dieses Wissen nicht kennen, wird nicht nur eine Gründerin übersehen, sondern möglicherweise ein ganzer Markt.
7. Was bedeutet Female Empowerment für dich persönlich und welche Rolle spielen Vorbilder, Netzwerke und gegenseitige Unterstützung dabei, Frauen darin zu bestärken, ihren eigenen unternehmerischen Weg zu gehen?
Empowerment bedeutet für mich, einen Raum zu schaffen, in dem jemand eine Vision, die vielleicht bisher nur leise im eigenen Kopf existiert, überhaupt aussprechen kann. Dann braucht es Menschen, die diese Vision ernst nehmen, sie hinterfragen, stärken und helfen, daraus einen realistischen Weg zu machen. Female Empowerment bedeutet für mich deshalb nicht, Frauen zu sagen, dass sie alles können. Es bedeutet, ihnen Zugang zu Wissen, Vorbildern, Netzwerken und Kapital zu geben, damit aus Selbstvertrauen Kompetenz und aus einer Idee Handeln werden kann. Denn Selbstvertrauen allein reicht nicht. Oft sage ich Frauen:
“You want confidence that is rooted in competence.”
Und genau dafür sind Mentoring und gute Netzwerke so wichtig.
8. Aus einem Startup Pitch ist innerhalb weniger Jahre eine immer größere Plattform entstanden. Am 4. und 5. September 2026 bringt das AiDiA Business & Culture Fest in Hamburg nun mehr als 1.500 Menschen und über 100 Speaker*innen zusammen. Wenn du auf diese Entwicklung zurückblickst: Was macht dich besonders stolz und gab es einen Moment, in dem du selbst realisiert hast, welche Dimension eure ursprüngliche Idee inzwischen erreicht hat?

Mich macht am meisten stolz, dass aus einer Idee Realität geworden ist. Ideen zu haben ist relativ einfach. Eine Idee über Jahre umzusetzen, Menschen dafür zu gewinnen und trotz Rückschlägen weiterzumachen, ist der schwierige Teil. Wenn heute mehr als 1.500 Menschen sagen: Da möchte ich dabei sein, dann ist das für mich immer noch besonders. Und wenn Gründer:innen Jahre später erzählen, dass sie durch AiDiA Kapital, Partner oder Kontakte gewonnen haben, die ihr Unternehmen verändert haben, dann weiß ich, dass es mehr als nur ein schönes Event geworden ist. Man wird ja oft in der Öffentlichkeit für die Dinge gefeiert, die man im Privaten geübt hat. Hinter diesen zwei Tagen liegen Jahre an Arbeit, Gesprächen, Absagen, Finanzierung und sehr viel Ehrenamt, die mein Team und ich Tag ein und aus und unermüdlich machen. Darauf bin ich stolz.
9. Mit dem Business & Culture Fest bringt ihr bewusst Wirtschaft, Entrepreneurship, Innovation und Kultur zusammen. Warum gehören diese Bereiche für dich zusammen und worauf dürfen sich die Besucher*innen bei der diesjährigen Ausgabe besonders freuen?
Wir sprechen bei AiDiA bewusst von “Culture”, nicht nur von Kultur. Mit Culture meine ich Communities, urbane Bewegungen, Musik, Mode, Sprache, Sport und gemeinsame Codes, aus denen neue Bedürfnisse und Verhaltensweisen entstehen. Viele wirtschaftliche Innovationen beginnen genau dort. Facebook entstand zunächst aus einer studentischen Campus Community. Sneaker und Streetwear wurden durch Basketball, Hip Hop, Skaten und urbane Communities von funktionaler Kleidung zu globalen Märkten. Auch neue Creator Geschäftsmodelle sind aus digitalen Communities entstanden, lange bevor klassische Unternehmen verstanden haben, welche Wirtschaftskraft dort entsteht. Culture ist deshalb für mich oft das Frühwarnsystem der Wirtschaft. Dort sehen wir heute, was morgen Mainstream sein kann. Entrepreneurship übersetzt diese Bewegung in Produkte und Geschäftsmodelle. Innovation macht daraus etwas Neues. Und Wirtschaft skaliert es. Genau deshalb bringen wir beim AiDiA Business & Culture Fest diese Welten bewusst zusammen: Gründer:innen, Corporates, Investor:innen, Kreative und Menschen aus Culture. Denn wenn wir verstehen wollen, wo die nächste Innovation entsteht, dürfen wir nicht nur dort hinschauen, wo heute schon das Geld sitzt. Wir müssen auch dorthin schauen, wo neue Verhaltensweisen entstehen.
10. Zum Abschluss werfen wir gemeinsam einen Blick in die Zukunft: Wenn wir uns in fünf oder zehn Jahren wieder sprechen, was soll sich durch AiDiA im deutschen Wirtschafts- und Gründungsökosystem verändert haben und welche persönliche Vision möchtest du bis dahin verwirklicht haben?

Ich möchte, dass Schwarze Gründer:innen in fünf oder zehn Jahren kein überraschendes Bild mehr sind, sondern ein selbstverständlicher Teil der deutschen Wirtschaft. Dass sie Unternehmen gründen, skalieren, Arbeitsplätze schaffen, investieren und die Innovationskraft Deutschlands maßgeblich mitprägen. AiDiA soll dazu beitragen, ein neues Bild von Deutschland sichtbar zu machen: divers, wirtschaftlich stark, innovationsfreudig und stolz darauf, dass globale Ideen aus Deutschland heraus entstehen. Mein langfristiges Ziel ist deshalb paradoxerweise auch, AiDiA in seiner heutigen Funktion irgendwann überflüssig zu machen. Wenn Zugänge zu Kapital, Wissen, Netzwerken und Sichtbarkeit selbstverständlich geworden sind, haben wir einen wichtigen Teil unserer Mission erfüllt. Bis dahin wollen wir weiter wachsen. Denn Unternehmertum bedeutet auch, seiner Zeit voraus zu sein. Und ich möchte mit AiDiA zeigen, wie die deutsche Wirtschaft von morgen aussehen kann, bevor dieses Bild für alle selbstverständlich geworden ist.
Liebe Lucy, vielen Dank für deine persönlichen Einblicke und dein Engagement. Mit AiDiA schaffst du nicht nur wichtige Räume für Begegnung, Austausch und neue Chancen, sondern sorgst auch für mehr Sichtbarkeit in der deutschen Wirtschafts- und Gründungslandschaft. Genau diese Sichtbarkeit braucht es, um langfristig Veränderung anzustoßen, neue Vorbilder zu schaffen und mehr Menschen den Zugang zu unternehmerischen Möglichkeiten zu eröffnen. Wir wünschen dir und dem gesamten AiDiA Team weiterhin viel Erfolg auf diesem wichtigen Weg.
Über die Autorin
Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.
Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.
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