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Zwischen Feuilleton und Literatur: Verena Lueken im Gespräch über weibliches Altern und ihr Buch “Alte Frauen”

Zwischen Feuilleton und Literatur: Verena Lueken im Gespräch über weibliches Altern und ihr Buch “Alte Frauen”

Kinga Bartczak
Verena Lueken im Gespräch über weibliches Altern und ihr Buch Alte Frauen-Artikelbild

Wir freuen uns sehr, im heutigen Interview Verena Lueken begrüßen zu dürfen. Sie ist eine der profiliertesten Stimmen im deutschsprachigen Feuilleton. Als langjährige Autorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sie mit feinem Gespür für Sprache, Kultur und Gesellschaft das Denken unserer Zeit begleitet – zwischen New York und Frankfurt, zwischen Kinosaal, Literaturkritik und eigenen Veröffentlichungen.

In ihrem neuen Buch „Alte Frauen“ richtet sich ihr kritischer Blick hierbei auf ein Thema, das in unserer Gesellschaft häufig ausgeblendet wird – das weibliche Altern. Doch Verena erzählt nicht von Rückzug, Verfall oder Resignation. Sie erzählt von Mut, Neuanfang, subversiver Kraft und Sichtbarkeit.

1. Liebe Verena, wie schön dich in unserem FemalExperts Onlinemagazin unserer Community vorstellen zu dürfen. Ich wage auch sogleich einen Sprung in deine Biografie, und zwar mit der Frage: Dein Studium umfasste Soziologie, Germanistik und Filmwissenschaft. Welche dieser Disziplinen beeinflusst Deinen Schriftstil bis heute am stärksten?

Keines meiner Studienfächer hat meinen Stil beeinflusst. Aber jedes literarische Buch, das ich gelesen habe, fast jeder Brief, den ich bekommen habe, und auch die Dialoge, die ich im Kino gehört habe. Ein Stil, meiner zumindest, da ich nie einen creative writing workshop mitgemacht habe, entwickelt sich entlang des Lebens, das ich führe, der Gespräche und Lektüren.

2. Du arbeitest seit 1989 bei der F.A.Z. – wie hat Dich Dein langjähriger Blick als Kultur- und Filmkritikerin geprägt, und was nimmst Du davon heute mit in Deine literarische Arbeit?

Alles.

3. Gab es während Deiner journalistischen Laufbahn Themen, die Du gern vertieft hättest, es damals aber nicht konntest oder durftest?

Nein. Ich hatte alle Freiheit, mich mit dem zu beschäftigen und das zu schreiben, was mir wichtig schien und was mich interessierte. Das traf nicht immer auf Begeisterung oder Wertschätzung, auch auf hochgezogene Augenbrauen unter Umständen, wurde aber nie verhindert. Vertiefen ist natürlich immer gut, und immer ist zu wenig Zeit. Manches hole ich nach, oder ich komme nach Jahren vielleicht darauf zurück.

4. Wie war es für Dich persönlich, vom journalistischen Schreiben zur literarischen Porträtdarstellung zu wechseln – mit dem Fokus auf einzelne, reale Frauenbiografien?

Es gibt keinen Bruch in der Herangehensweise oder im Schreiben selbst. Der entscheidende Unterschied im Fall dieser Frauenporträts zwischen Zeitung/Magazin und Buch ist die Länge. Länge bringt Freiheit. Informationen lassen sich auf jedes Format zusammenschnurren. Aber eine Person in ihrer Eigenwilligkeit und Eigen- und Einzigartigkeit zu erfassen, dazu braucht es Zeit, die sich in Umfang übersetzt. Szenen zu beschreiben, abzuschweifen, die eigenen Gedanken laufen zu lassen und die Sätze immer wieder auszulüften, bevor sie in letzter Form geschrieben werden – das macht ein literarisches Porträt aus, dafür ist in der Zeitung meistens nicht genügend Zeit und kein Platz.

5. Du hast viele Jahre in New York gelebt und die Stadt mehrfach literarisch verarbeitet. Wie beeinflusst Dein Verhältnis zu diesen beiden Welten – New York und Frankfurt – Deine Perspektive auf Themen wie Alter, Sichtbarkeit und Öffentlichkeit?

In beiden Städten bin ich zu der Person geworden, die ich heute bin und als die ich heute schreibe.

6. Wie hat sich Dein eigenes Verhältnis zum Älterwerden im Laufe der Recherche für „Alte Frauen“ verändert – sei es intellektuell, emotional oder gesellschaftlich?

Ich habe es ungeheuer genossen, mit diesen Frauen, die alle jenseits der achtzig sind, so viel Zeit verbringen zu dürfen. Von jeder war ich auf unterschiedliche Weise begeistert. Davon, wie sie leben. In Wohnungen voller Kunst und Kunsthandwerk und über die Zeit Gesammeltem, die eine. In fast leeren weißen Räumen die andere. Wie sie über ihre Arbeit sprechen, über ihre Pläne, neue Projekte. Man kann immer weitermachen, zeigten sie mir, eine ungeheure Entlastung von allen Gedanken: Und dann? Je länger ich mit ihnen zusammen war, desto weniger leuchtete mir ein, das Alter einer Person zum Maßstab für irgendetwas zu machen. Mein Ideal wäre, es erschiene nur noch auf Geburts- und Sterbeurkunden. Fürs Leben taugt es als Kategorie nicht. 

Buch Alte Frauen-Cover
Buch: Alte Frauen von Verena Lueken
Weise, kühn und frei – es wird Zeit, den alten Frauen zuzuhören

7. Gab es während des Schreibens auch Momente des Zweifelns – ob das Thema Sichtbarkeit alter Frauen ein breiteres Publikum erreicht oder möglicherweise aneckt?

Nein. Beim Schreiben denke ich erst einmal nicht ans Lesepublikum oder daran, wie das Buch aufgenommen wird. Das kommt viel später, eigentlich erst, wenn das Buch ganz fertig ist. Lustig war, wie eine der Porträtierten, die Filmemacherin und bis kürzlich Präsidentin der Akademie der Künste vor unseren Gesprächen meinte: ,Sind alte Frauen ein sexy Thema?’ Ich habe damals geantwortet: ,Mal sehn.’ Das ist die Haltung beim Schreiben.

8. Du erwähnst Jane Campbells scharfen, stellenweise sarkastischen Tonfall. Wie wichtig ist Dir selbst stilistische Schärfe – gerade im Hinblick auf gesellschaftliche Tabus oder überkommene Rollenbilder?

Genau zu formulieren heißt unter Umständen, scharf zu werden, dafür bin ich unbedingt. Sätze zu finden, die sich merken lassen, die Schlachtrufe werden können. ‘Alte Frauen sind auch Menschen’, das ist so ein Satz von Jane Campbell. Absolut!

Siehe auch
Astrid Lindgren-die Menschheit hat den Verstand verloren-Artikelbild

9. Inwiefern unterscheidet sich Deiner Erfahrung und Beobachtung nach das weibliche Altern grundsätzlich vom männlichen – jenseits der rein äußeren Wahrnehmung?

Mein Eindruck ist, Frauen altern besser. Was die Statistik im Übrigen belegt. Sie sind, scheint mir, weniger wehleidig, auch wenn ich derartige Verallgemeinerungen lieber meiden würde. Die Ignoranz der Gesellschaft ihnen gegenüber gibt ihnen eine Freiheit – die ich nicht romantisieren möchte, viel besser wäre, die Gesellschaft würde sich für sie interessieren, ihnen zuhören, sie und ihre Arbeit anschauen, sie einbeziehen statt auszugrenzen. Aber die Freiheit, einfach weiterzumachen oder etwas Neues zu beginnen, die haben die alten Frauen, mit denen ich gesprochen habe, und nehmen sie sich auch.

10. Was könnten Medien, Kulturinstitutionen oder auch Schulen konkret tun, um alten Frauen – abseits der Rolle als Großmutter – mehr Raum, Stimme und Wertschätzung zu geben?

Ihnen mehr Raum, Gehör und Wertschätzung geben.

11. Wenn Du an die nächste Generation von Frauen denkst: Welche Botschaft möchtest Du ihnen mitgeben – besonders im Hinblick auf Selbstbestimmung, Sichtbarkeit und die Freiheit, das eigene Leben auch jenseits der Fünfzig, Sechzig oder Siebzig mutig zu gestalten?

Ich habe keine Botschaft. Aber ich habe beobachtet und beim Zuhören gelernt, dass Frauen, die das Alter nicht als Hauptbaustein ihrer Identität begreifen, besser über die Hürden kommen, die ihnen die Gesellschaft in den Weg stellt. Alter, das heißt: Jugend ist kein guter Maßstab, wenn es ums Leben geht.

Liebe Verena, du zeigst mit deinem Werk, dass das Alter kein Defizit ist – sondern eine verdichtete Form von Leben, Erfahrung und Freiheit. Deine Geschichten machen Mut, das eigene Leben in jeder Lebensphase selbstbewusst und neugierig zu gestalten.

Für all jene, die sich fragen, wie Female Empowerment jenseits jugendfixierter Narrative aussieht, ist dieses Role Model Interview eine Einladung zum Hinschauen, Zuhören und sich inspirieren lassen.

Über die Autorin

Kinga Bartczak
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Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.

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