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Evelyn Höllrigl Tschaikner über Mikrofeminismus: Kleine Handlungen, große feministische Wirkung

Evelyn Höllrigl Tschaikner über Mikrofeminismus: Kleine Handlungen, große feministische Wirkung

Kinga Bartczak
Evelyn Höllrigl Tschaikner über Mikrofeminismus-Artikelbild

Ich freue mich sehr, im heutigen FemalExperts Role Model Interview Evelyn Höllrigl Tschaikner vorzustellen. Evelyn ist freie Journalistin, Content Creatorin und Co-Autorin mehrerer Bücher, darunter „Mythos Mutterinstinkt“ und „Nachwehen“.

In ihrem neuen Buch „The Daily Feminist – Mikrofeminismus wirkt!“ zeigt sie, wie wir mit kleinen Gesten, klaren Worten und bewussten Mikro-Handlungen viel bewegen können. Denn oft sind es nicht die großen Debatten, sondern die unscheinbaren Alltagsmomente, in denen sich entscheidet, wie ernst wir Gleichberechtigung wirklich nehmen.

1. Liebe Evelyn, ich freue mich sehr, dich im heutigen Interview unseren Lesenden und unserer Community vorstellen zu dürfen und beginne auch sogleich mit einem Sprung in die Vergangenheit: Du stammst aus Südtirol und lebst nun mit deiner Familie in Wien. Inwieweit hat deine Lebens- und Berufsbiografie deine feministische Perspektive geprägt?

Mit Sicherheit zumindest ein kleines bisschen. Konkret denke ich dabei an meine Schulzeit im Gymnasium. Ich habe eine katholische Mädchenschule besucht und wir waren 29 Schülerinnen in der Klasse. Unsere Direktorin, eine Nonne, war jedoch nicht so konservativ, wie man vielleicht erwarten würde. Im Grunde war sie eine Feministin. Der Zusammenhalt zwischen uns Mädchen ist etwas, an das ich sehr gerne zurückdenke.

2. Seit 2016 schreibst du bereits sehr erfolgreich auf deinem Blog „Little Paper Plane“, unter anderem auch über die Themen Muttersein und Mutterwerden – später hat sich deine Arbeit auf Instagram verlagert. Was war der Auslöser, deine Erfahrungen so offen zu teilen?

Als ich 2015 mit meiner Tochter schwanger wurde, gab es Begriffe, wie Mental Load, Muttertät, oder Care-Arbeit noch nicht. Und nein, das ist noch nicht so lange her. Aber all die Dinge, die wir jetzt benennen können, waren vor 10 Jahren noch unsichtbar. Und es hat gezwickt. Ich habe bald gemerkt, dass nicht alles so rosig ist, wie die Werbebilder es mir weismachen wollten. Die Schwangerschaft war nicht „magisch“, die Geburt erst recht nicht. Aber gefühlt gab es damals wenig Stimmen, die darüber gesprochen und geschrieben haben, also habe ich den Blog gestartet und später die Arbeit ganz auf Instagram verlegt.

3. Für viele in unserer Community ist das Thema „Care-Arbeit“ ein sehr zentrales. Wie vereinbarst du das Schreiben und deine journalistische Arbeit mit deinem Alltag als Mutter? Gibt es Routinen oder Rituale, die dir besonders helfen?

Care-Arbeit ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Ohne sie könnten viele Menschen keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Gleichzeitig bleibt Care-Arbeit oft unsichtbar, ist unbezahlt und wird weltweit zu über 75 % von Frauen übernommen. Deshalb verstehe ich zwar die Frage nach meiner Vereinbarkeit, möchte aber eine Gegenfrage stellen: Würdest du diese Frage auch einem Vater stellen?

Dass dieses Ungleichgewicht besteht, ist natürlich strukturell bedingt und lässt sich kaum auf individueller Ebene herunterbrechen. Ob Vereinbarkeit einfach oder schwer ist, hängt von vielen Faktoren ab. Pauschale Tipps kann ich deshalb nicht geben, außer vielleicht diesen einen: Vereinbarkeit ist wie Tetris. Kaum passt ein Stein, fällt schon der nächste runter.

4. Als freie Journalistin und Co-Autorin hast du bereits zwei Bücher veröffentlicht („Mythos Mutterinstinkt“ und „Nachwehen“). Wie hat sich dein Verständnis davon verändert, was es heißt, Mutter zu sein?

Ich glaube, dass das Schreiben dieser beiden Bücher mich zu der Mutter gemacht hat, die ich heute bin. Das erste Buch, Nachwehen, in dem es vor allem um schwierige Geburtserfahrungen geht, egal ob Kaiserschnitt, vaginale Geburt oder alles dazwischen. Das Niederschreiben, die Aufarbeitung und die Gespräche mit Gynäkolog*innen, Hebammen und Doulas haben mich auf meinem eigenen Weg begleitet.

Das zweite Buch, Mythos Mutterinstinkt, war ein enormes Learning. Es hat sprichwörtlich einen Knoten gelöst. Die vielen (neuro-)wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir darin zusammengetragen haben, machen das Buch zu etwas sehr Heilsamem. Und das gilt nicht nur für Mütter, sondern genauso für Väter, Pflege- und Adoptiveltern oder Regenbogenfamilien. Denn im Kern geht es darum:

Sich zu kümmern ist keine Frage der Biologie, sondern der Haltung. Elternschaft ist nichts, das einfach von selbst kommt, sie muss gelernt werden, und zwar auch von jenen, die die Kinder geboren haben.

5. Deine Blogbeiträge, die Bücher sowie deine journalistischen Texte wirken oft humorvoll und leicht, auch wenn es um ernste Themen geht. Ist Humor für dich ein „feministisches“ Werkzeug, um auch herausfordernde Themen besprechbar und erlebbar zu machen?

Ja, absolut. Humor ist für mich ein wichtiges Werkzeug, gerade wenn es um ernste Themen geht. Er schafft einen Zugang und ermöglicht es, eine breitere Masse zu erreichen. Ich glaube außerdem, dass Lachen verbindet, es baut Barrieren ab und kann ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Genau dieses Gefühl von Verbundenheit macht es leichter, auch schwierige Themen sichtbar zu machen.

6. Dein neues Buch „The Daily Feminist“, welches am 24. September 2025 erschienen ist, beinhaltet das Wort „Mikrofeminismus“. Wie würdest du diesen Begriff in einem Satz erklären, insbesondere im Vergleich zum „klassischen“ Feminismus?

Ich sehe Mikrofeminismus nicht als etwas, das neben dem klassischen Feminismus steht, sondern vielmehr als ein Teil davon. Es ist im Grunde ein Begriff, der Feminismus im Alltag sichtbar macht. Es geht nicht darum, einen „richtigen“ oder „falschen“ Feminismus zu unterscheiden – so etwas gibt es nicht. Vielmehr zeigt Mikrofeminismus, dass wir auch im Kleinen, in unserem individuellen Alltag, Wirkung entfalten können. Dafür muss man nicht unbedingt laut sein, auf Demos gehen oder sich politisch engagieren, auch wenn das natürlich wichtig und richtig ist. Aber schon durch kleine Handlungen, durch Haltungsänderungen oder einen Perspektivwechsel können wir Feminismus leben und damit unsere unmittelbare Umgebung beeinflussen.

The Daily Feminist-Buch

7. Was hat dich beim Schreiben des Buches am meisten herausgefordert?

Die größte Herausforderung war das Kürzen. Am Anfang hatte ich weit mehr als 250 Mikrofeminismen gesammelt, dann auf 222 reduziert und schließlich auf 199. Und es hätten noch sehr viel, viel mehr sein können. Patriarchale Muster sind tief in unserem Alltag verankert, oft in kleinen Dingen, die so normal wirken, dass sie unbeachtet bleiben. Je intensiver ich mich damit beschäftigt habe, desto deutlicher wurde das.

8. Du gibst in deinem Buch 199 ganz konkrete Handlungstipps für mehr Gleichberechtigung im Alltag und manche Gedanken muten hierbei so frisch und ungewöhnlich an, wie beispielsweise, dass Wut Verbindung schaffen kann. Magst du uns bei diesem konkreten Gedankengang mitnehmen? Wie gestaltet sich eine solche Verbindung konkret?

Ich glaube, dass viele Frauen wütend sind – und das völlig zu Recht. Wir wurden über Jahrhunderte hinweg unterdrückt: Unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter. Diese Wut tragen wir in uns weiter. Immer wieder erlebe ich, dass wenn ich auf Social Media etwas poste, das eigentlich wütend machen sollte, sich viele Frauen in den Kommentaren versammeln, und gemeinsam wütend sind. Für mich ist das ein gutes Zeichen. Denn Wut muss nicht destruktiv sein. Sie kann verbinden und sie kann konstruktiv sein. Wir können Wut dafür nutzen, Veränderungen anzustoßen, mehr Raum einzunehmen und gerade auch im Kontext von Elternschaft notwendige Perspektivwechsel einzuleiten. Der Gedanke, dass Wut nicht spaltet, sondern auch eine Kraft für Gemeinschaft und Veränderung sein kann, das finde ich sehr schön.

9. Deine Tipps sind für den Alltag gedacht. Gibt es auch Grenzen des Mikrofeminismus, wo du sagst: Hier braucht es größere strukturelle Veränderungen?

Natürlich gibt es Grenzen. „Mikro“ bedeutet im Zusammenhang mit Mikrofeminismus nicht „klein“, sondern bezieht sich auf die Mikro-Ebene, also unseren Alltag. Dort haben wir direkte Wirkungsmacht, dort setzt Mikrofeminismus an.

Wenn wir aber über größere strukturelle Veränderungen sprechen, bewegen wir uns auf der Makro-Ebene. Dort können wir als Einzelne wenig bewirken, sondern nur im Kollektiv. Und ja, es braucht dringend strukturelle Veränderungen, um Gleichberechtigung weiter voranzutreiben. Denn auch wenn wir unseren Alltag feministisch leben können, stoßen wir schnell an tiefere Grenzen, etwa beim Gender Pay Gap, bei der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit, beim Gewaltschutz oder beim Zugang zu sicherer Verhütung und Abtreibung.

10. Mikrohandlungen können schnell banal wirken. Wie schaffst du es, ihnen Bedeutung und Kraft zu verleihen, statt sie in Belanglosigkeit verfallen zu lassen?

Banalität ist immer eine Frage der Perspektive. Was für die eine Person banal wirkt, kann für eine andere schon eine große Herausforderung und mit viel Mut verbunden sein. Deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang auch ungern von Belanglosigkeit. Ich finde es immer wieder spannend, dass kleine Dinge oft als unwichtig oder eben banal porträtiert werden – ist das nicht ein einen zutiefst patriarchalen Gedanken? Muss etwas groß und laut sein, damit es wichtig sein darf?

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Für mich bedeutet Mikrofeminismus: Im Alltag bewusst Handlungen zu wählen, die sich gut anfühlen, die leicht umsetzbar sind und uns vielleicht einen neuen Blick auf bestehende Strukturen ermöglichen. Und was für die einen unscheinbar wirken mag, kann für andere ein völlig neuer, kraftgebender Impuls sein.

11. Sprache ist ein zentraler Teil feministischer Debatten. Welche kleinen sprachlichen Interventionen empfiehlst du besonders gern?

Ich finde, Sprache ist eines der wertvollsten Mittel, um Mikrofeminismus im Alltag zu leben, weil sie so viele Schieflagen sichtbar macht.

  • Warum gibt es zum Beispiel die „Drama Queen“, aber keinen „Drama King“?
  • Warum sprechen wir vom „Familienvater“, aber nicht von einer „Familienmutter“?
  • Warum von der „Working Mom“, aber nicht vom „Working Dad“?
  • Oder wieso nutzen wir Begriffe wie „Stutenbissigkeit“, „Pussy“ oder „Eier haben“?

Sprache zeigt sehr deutlich, wie die Welt um uns herum verstanden wird. Und wenn wir diese Muster erkennen, können wir Sprache auch als Instrument nutzen, um Ungleichgewichte in unserem Umfeld zu hinterfragen und zu verändern.

12. Dein Buch erscheint in einer Zeit, in welcher der Begriff „Feminismus“ viele (erneut) zu polarisieren scheint und auch oftmals instrumentalisiert wird. Wie gehst du mit Gegenwind oder Kritik um, gerade in den sozialen Medien?

Ich habe in den letzten Jahren auf Social Media erlebt, dass der Ton deutlich rauer geworden ist. Gerade wenn man sich als Frau mit dem Thema Feminismus und Gleichberechtigung auseinandersetzt, nehmen Beleidigungen und Drohungen spürbar zu. Täglich bekomme ich Kommentare, die sehr klar zeigen, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, bis wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen, die ihre Stimme erheben, nicht (von Männern) beschimpft oder klein gemacht werden.

Ein Muster, das sich dabei immer wieder zeigt, ist die Vorstellung dieser Männer, Frauen müssten unglücklich sein, wenn sie nicht still sind. In ihrem Weltbild sind nur „stille Frauen“ gute, glückliche Frauen. Das ist natürlich völliger Unsinn, zeigt aber, wie das Bild der „hysterischen Frau“ kuratiert wurde. Ich sehe darin eher ein letztes Aufbäumen patriarchaler Strukturen, bevor wir hoffentlich in eine positivere und gleichberechtigtere Richtung gehen. Und nehme es bis dahin (wie so vieles) mit Humor.

13. Wenn du eine Mini-Herausforderung aus dem Buch nennen müsstest, die wir alle sofort umsetzen könnten, welche wäre das und warum?

Gute Frage – eigentlich hätte ich darauf über 199 Antworten. Wenn ich es aber auf eine einzige herunterbrechen müsste, würde ich sagen: öfter Nein sagen. Nein sagen, ohne sich dafür zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Wir Frauen wurden sozialisiert, möglichst höflich, freundlich und zuvorkommend zu sein. Ein Nein bricht mit dieser Erwartung an die „sanftmütige Frau“ und genau das ist es, was so viele triggert, auch die Männer in meiner Kommentarspalte. In einem simplen Nein liegt deshalb unglaublich viel Kraft. Es klingt banal, ist für viele aber ein echter Kraftakt. Und gleichzeitig ein sehr guter Anfang.

Liebe Evelyn, vielen Dank für dieses offene und inspirierende Gespräch. Dein Buch ist für uns alle ein starkes Signal, dass Veränderung nicht immer laut, groß und radikal beginnen muss, sondern dass gerade die kleinen, konsequenten Schritte den Unterschied machen. Deine Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass feministische Perspektiven im Alltag sichtbar, selbstverständlich und wirksam werden.

Über die Autorin

Kinga Bartczak
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Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.

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