„Führe ich oder führt meine Geschichte? Was Frauen in Führung prägt”
DIE WELT IST UNRUHIG GEWORDEN.
Politische Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Spaltung und mittendrin: Frauen, die führen. Teams leiten. Entscheidungen treffen. Haltung zeigen. In einem Umfeld, das selbst keine Haltung mehr zu kennen scheint. In solchen Zeiten reichen Methoden nicht mehr. In solchen Zeiten fragt sich manch eine leise, vielleicht zum ersten Mal wirklich ehrlich:
Wer führt hier eigentlich? Ich oder das, was mir das Leben beigebracht hat?
Das unsichtbare Regelwerk
Frauen in Führung bewegen sich in einem Spannungsfeld, das Männern in derselben Position selten erleben: Die eigene Art zu führen muss gleichzeitig weiblich genug und führungsstark genug sein – zwei Anforderungen, die sich oft widersprechen.
Dieses Dilemma ist nicht neu. Aber es wird in unsicheren Zeiten lauter, weil der Druck steigt, und weil unter Druck das sichtbar wird, was sonst verborgen bleibt.
Was dabei selten besprochen wird: Dieses Spannungsfeld ist nicht nur gesellschaftlich bedingt. Es ist auch biografisch gefärbt.
Lange bevor wir Führungskräfte wurden, haben wir gelernt, welchen Platz wir einnehmen dürfen. Wie viel Raum uns zusteht. Ob Sichtbarkeit sicher ist. Ob Stärke bewundert oder bestraft wird. Ob es erlaubt ist, Schwäche zu zeigen oder ob das Verbindung kostet.
Diese Erfahrungen hinterlassen Muster. Und diese Muster wirken still, beharrlich, oft unsichtbar. Besonders dann, wenn es darauf ankommt.
Was uns prägt, ohne dass wir es merken
In meiner Arbeit als psychosoziale Beraterin und Supervisorin begegne ich immer wieder demselben Moment: Eine Führungskraft – kompetent, erfahren, reflektiert – sitzt mir gegenüber und sagt:
- „Ich weiß eigentlich, wie ich führen sollte. Aber in bestimmten Momenten erkenne ich mich selbst nicht mehr.”
Dieser Satz ist kein Zeichen von Schwäche. Er ist ein Hinweis auf unbewusste Muster – und auf ungenutztes Potenzial.
Die Biografieforschung beschreibt, wie Lebensgeschichten zu handlungsleitenden Mustern werden – Deutungen, die wir früh entwickeln und die unser Handeln strukturieren, lange nachdem die ursprüngliche Situation vergangen ist. Wir führen also nicht nur mit unserem Wissen und unserer Kompetenz. Wir führen auch mit unserer Geschichte.
Viktor Frankl hat es auf den Punkt gebracht:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.”
Wer diesen Raum nicht kennt, reagiert. Wer ihn kennt, führt bewusst, authentisch, aus sich selbst heraus.
Innere Orientierung als Antwort auf äußere Unsicherheit
2026 ist kein Jahr für Perfektion. Es ist ein Jahr für Haltung.
Aber Haltung entsteht nicht durch neue Strategien. Sie entsteht durch Klarheit darüber, wer man ist, jenseits der Rolle, jenseits der Erwartungen, jenseits der Skripte, die andere irgendwann für uns geschrieben haben.
Gerade Frauen tragen oft zwei widersprüchliche Skripte gleichzeitig in sich: das der angepassten, fürsorglichen, harmonisierenden Frau und das der durchsetzungsstarken, rationalen, unerschütterlichen Führungskraft. Beide Skripte sind erlernt. Beide wirken. Und irgendwo dazwischen verliert sich manchmal das Eigene.
Gesellschaftlich erleben wir gerade eine Zeit, in der alte Gewissheiten wegbrechen. Rollenbilder werden neu verhandelt. Was gestern noch als starke Führung galt, wirkt heute oft leer. Was als weibliche Schwäche abgetan wurde – Empathie, Intuition, Verbundenheit – erweist sich als zutiefst zeitgemäß.
Frauen, die in dieser Zeit authentisch führen wollen, brauchen keine weiteren Optimierungstools. Sie brauchen Zugang zu sich selbst.
Biography Coaching: Spurensuche statt Problemlösung
Biography Coaching ist eine Form der Führungsentwicklung, die dort ansetzt, wo klassische Coachings oft aufhören: bei der Frage nach dem Woher.
Nicht „Wie soll ich führen?”, sondern: Was hat mich zu der Führungsperson gemacht, die ich heute bin? Welche Muster prägen mich, ohne dass ich es merke? Welche Potenziale habe ich unterwegs verloren – und was wäre möglich, wenn ich sie zurückhole?
Es geht nicht darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Es geht darum, sie zu verstehen – als Ressource, als Spiegel, als Ausgangspunkt für bewusstere Entscheidungen. Die zentrale Frage lautet: Führe ich oder führt meine Geschichte?
Drei Fragen zum Nachdenken
Du brauchst keinen Prozess, um jetzt mit der Reflexion zu beginnen. Drei Fragen, die weiterführen:
- Von wem hast du Führung gelernt? Wer in deiner Geschichte hat dir gezeigt, wie Autorität aussieht – und was davon hast du übernommen, ohne es bewusst zu entscheiden?
- Was hast du für deinen Erfolg abgelegt? Welche Seiten von dir (Kreativität, Sanftheit, Verspieltheit, Wildheit) haben in deiner Führungsrolle keinen Platz mehr? Und vermisst du sie manchmal?
- Wann führst du aus dir selbst heraus? Es gibt Momente, in denen Führung sich leicht anfühlt. Was ist in diesen Momenten anders?
Führung als Rückkehr zu sich selbst
Wir leben in einer Zeit, die Orientierung fordert. Von Organisationen. Von Gesellschaften. Von Führungspersönlichkeiten.
Frauen, die diese Orientierung geben wollen – glaubwürdig, nachhaltig, verbunden – kommen irgendwann an einen Punkt, an dem äußere Optimierung nicht mehr ausreicht. An dem die entscheidende Frage nicht lautet: Was soll ich anders machen?
Sondern: Wer bin ich als Führungsperson, jenseits meiner Rolle, jenseits der Erwartungen, jenseits der Geschichte, die andere für mich geschrieben haben?
Denn nachhaltige Führung beginnt nicht bei Optimierung. Sie beginnt bei Bewusstheit.




