Gerade lesend
Ruth Hoffmann im Interview: Warum Demokratie und Gleichberechtigung aktiven Schutz brauchen

Ruth Hoffmann im Interview: Warum Demokratie und Gleichberechtigung aktiven Schutz brauchen

Kinga Bartczak
Ruth Hoffmann im Interview-Raubzug von rechts-Artikelbild

Mut beginnt oft mit einer Entscheidung. Der Entscheidung, hinzusehen, Fragen zu stellen und die eigene Stimme zu nutzen. Ruth Hoffmann gehört zu den Menschen, die genau das tun. Mit analytischem Blick, historischer Tiefe und großer gesellschaftlicher Verantwortung setzt sich die renommierte Historikerin und Journalistin dafür ein, Entwicklungen sichtbar zu machen, die viele zunächst übersehen oder unterschätzen. In ihrem Buch Raubzug von rechts zeigt sie eindrücklich, wie Sprache und Narrative unsere Wahrnehmung prägen und warum es so wichtig ist, demokratische Werte und Gleichberechtigung aktiv zu schützen.

Ihre Arbeit erinnert daran, dass Veränderung nicht zufällig entsteht, sondern durch Menschen, die Haltung zeigen, Wissen teilen und andere ermutigen, sich einzubringen.

Liebe Frau Hoffmann, ich freue mich sehr, Sie heute im Rahmen unserer Role Model Reihe unserer FemalExperts-Community vorstellen zu dürfen und starte gerne sogleich mit der ersten Frage:

1. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich so intensiv mit rechten Narrativen und deren Auswirkungen auf Frauen und queere Menschen auseinanderzusetzen?

Bild: © Valeska Achenbach

Die immer selbstverständlicher zur Schau getragene männliche Überheblichkeit und die massiv zunehmende Frauenfeindlichkeit machen mich fassungslos und wütend. Ich hätte nicht gedacht, dass es nach #MeToo noch einmal einen derart massiven Backlash geben würde und das ja nicht nur „in rechten Kreisen“, sondern in der gesamten Gesellschaft! Leider spiegelt auch die aktuelle Bundesregierung diese Rückwärtsgewandtheit in vielerlei Hinsicht wider. Meiner Meinung nach ist das vor allem auf den Erfolg rechtsextremer Influencer wie die Verleger Götz Kubitschek, Jürgen Elsässer oder den Identitären Martin Sellner zurückzuführen. Sie haben verstanden, dass die Rechte zuallererst die Herrschaft über die Köpfe gewinnen muss, bevor sie die Machthebel in die Hand bekommt. Aus diesem Grund arbeiten sie seit Jahren systematisch daran, den gesellschaftlichen Diskurs nach rechts zu verschieben. Wie gut diese Strategie funktioniert, lässt sich nicht nur an der wachsenden Zahl von Wählerstimmen für die AfD ablesen, sondern vor allem daran, dass viele ihrer Positionen inzwischen in der politischen Mitte angekommen sind.

2. Gab es einen konkreten Moment oder eine gesellschaftliche Entwicklung, die den entscheidenden Impuls für Ihr aktuelles Buch gegeben hat?

Für mein vorheriges Buch „Das deutsche Alibi“ habe ich mich unter anderem damit beschäftigt, wie AfD und Neue Rechte das Gedenken an den Widerstand gegen Hitler kapern, indem sie zum Beispiel behaupten, in einer Tradition mit Sophie Scholl oder Claus von Stauffenberg zu stehen. Dabei bin ich auf zahlreiche weitere Aneignungen gestoßen, mit deren Hilfe rechte Populist:innen ihre Botschaften transportieren. Gerade Geschichte ist für sie zum zentralen Schlachtfeld geworden, wie man zum Beispiel an Björn Höckes Forderung nach einer 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur sieht. Das ganze Ausmaß, in dem sich Rechte völlig unverfroren in unserer Demokratiegeschichte bedienen, war mir vor der Recherche zu meinem neuen Buch aber nicht bewusst.

3. Welche zentrale Botschaft möchten Sie Leserinnen und Lesern mit Ihrem Buch unbedingt mit auf den Weg geben?

Dass die wirksamsten Angriffe auf unsere Freiheiten unbemerkt bleiben, weil sie über die Umdeutung von Begriffen, Symbolen und historischen Ereignissen laufen. Wenn man es bemerkt, ist es im Grunde schon zu spät. Besonders deutlich wird das zum Beispiel an unserer Nationalflagge: Die Farben Schwarz-Rot-Gold stammen aus der ersten deutschen Demokratiebewegung, der gescheiterten Revolution von 1848 also und stehen für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Die längste Zeit ihrer Geschichte wurde die Flagge darum von Nationalisten und Rechtsextremen buchstäblich in den Dreck gezogen. Seit Mitte der 1980er Jahre aber ist sie bei Aufmärschen der Neuen Rechten allgegenwärtig, und auch die AfD schmückt sich mit ihr.

4. Wie konnte das passieren?

Es gibt gute Gründe, dass wir Deutschen uns mit Nationalsymbolen schwertun. Andererseits steht Schwarz-Rot-Gold eben gerade nichtfür aggressiven Nationalismus und Abschottung, doch das wissen viele nicht. Ich glaube, dass wir unsere freiheitlich-demokratische Ordnung für allzu selbstverständlich gehalten und uns darum auch nicht groß damit beschäftigt haben, wie hart sie erkämpft werden musste. Diese Lücke können Rechte jetzt füllen. Sie haben verstanden, wie wichtig Geschichte ist. Bei den Demokrat:innen bin ich mir da nicht so sicher.

5. Da ich selbst Sprachwissenschaften studiert habe, hat mich das Kernthema Ihres Buches sogleich angesprochen, denn viele Menschen scheinen die Macht von Sprache zu unterschätzen. Inwieweit sind Narrative aus Ihrer Sicht entscheidend für positive bzw. auch negative gesellschaftliche Veränderungen?

Nehmen wir die große Untergangs-Erzählung der AfD: Wie in einem Mantra behauptet sie seit Jahren, dass es mit Deutschland bergab gehe, es kein demokratischer Rechtsstaat mehr sei, die Kriminalität steige, die Wirtschaft den Bach runtergehe und so weiter. Diese Lüge untermalt sie dann noch mit Zahlen und vermeintlichen Fakten, die frei erfunden sind. Aber die destruktive Strategie verfängt, weil es sich offenbar mit dem Lebensgefühl vieler Menschen deckt und es den demokratischen Parteien nicht gelingt, eine positive Gegenerzählung zu finden. Stattdessen steigen viele Politiker:innen sogar auf die AfD-Linie ein und hoffen, auf diese Weise Stimmen zurückzugewinnen. Das kann nicht funktionieren und ist fatal für den politischen Diskurs: Die AfD regiert längst mit, obwohl sie noch nirgendwo Regierungsverantwortung hat – einfach dadurch, dass sie die Agenda bestimmt.

6. Welche Gefahren sehen Sie aktuell besonders für feministische und queere Errungenschaften in unserer Gesellschaft?

Die AfD macht kein Geheimnis daraus, dass sie all diese Errungenschaften rückgängig machen will, und sobald sie die nötigen Hebel dafür in der Hand hat, wird sie das auch tun. Zu ihren Zielen gehören zum Beispiel die Abschaffung der „Ehe für alle“, des Gesetzes zur geschlechtlichen Selbstbestimmung, sämtlicher Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern und eine deutliche Verschärfung des Abtreibungsrechts. Die Partei ist durch und durch queerfeindlich und trägt mit ihrer schrillen Hassrhetorik maßgeblich dazu bei, Vorurteile gegen sexuelle Minderheiten zu schüren. Parteichefin Alice Weidel ist da keine Ausnahme, obwohl sie selbst in einer lesbischen Partnerschaft lebt. In meinem Buch habe ich dem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet, weil die AfD Sexualität, Familie und Genderfragen zu einem zentralen politischen Kampffeld gemacht hat.

7. Im Hinblick auf Ihren eigenen beruflichen Weg, mussten Sie immer wieder Haltung zeigen. Was hat Ihnen geholfen, auch bei Gegenwind eine klare Position zu beziehen und Ihren Werten treu zu bleiben?

Für mich gibt es dazu keine Alternative, sonst hätte ich mir einen anderen Job aussuchen müssen. Die Geschichte ist voller Beispiele von Menschen, die unter viel schwierigeren, oft sogar lebensgefährlichen Bedingungen für das gekämpft haben, was sie für richtig hielten – und was uns heute selbstverständlich ist. Sich an sie zu erinnern, finde ich inspirierend und heilsam zugleich, weil es die Maßstäbe wieder zurechtrückt und trotzdem Mut macht, nicht aufzugeben.

Siehe auch
Between Future, Heritage, and Self-Empowerment-An Interview with Nnedi Okorafor about Death of the Author_photo by Colleen Durkin

8. Was bedeutet für Sie persönlich der Begriff „Female Empowerment“ in einer Zeit, in der Gleichstellung nicht mehr selbstverständlich erscheint?

Ich persönlich träume von einer großen, internationalen Frauenbewegung, die den berechtigten weiblichen Zorn in eine gewaltlose, aber unaufhaltsame Gegenkraft verwandelt. Eine Bewegung, die sich nicht um sexuelle Identitäten, um Partei- oder Lagerzugehörigkeiten schert, sondern alle verbindet und so die geballte weibliche Kompetenz mobilisiert, um der Welt eine neue Richtung zu geben. „Female Empowerment“ besteht für mich im Zusammenhalt zwischen uns Frauen, im Kleinen wie im Großen. Nicht gegen „die Männer“, sondern für eine grundlegende Wende zu mehr Respekt und Gerechtigkeit. Das klingt pathetisch und vielleicht auch etwas platt, aber ich bin überzeugt, dass von Frauen der entscheidende Veränderungsimpuls ausgehen könnte, wenn sie sich dafür zusammentun.

9. Welche Kompetenzen können Frauen, weiblich gelesene Personen und queere Menschen heute besonders stärken, um ihre Stimme in gesellschaftlichen Debatten wirksam einzubringen?

Der Aufstieg der AfD erfordert den entschiedenen Widerstand von allen demokratisch Denkenden. Ich halte es aber für besonders wichtig, dass Frauen, queere und trans Personen lautstark ihre Stimme gegen sie erheben, weil die Partei gerade für sie eine unmittelbare Bedrohung darstellt. In der LGBTIQ-Community scheint sich diese Erkenntnis schon überwiegend durchgesetzt zu haben. Vielen Hetero-Frauen ist aber offenbar immer noch nicht klar, was eine AfD-geführte Regierung auch für sie bedeuten würde, obwohl dafür schon ein kurzer Blick ins Parteiprogramm genügt. Hier gibt es also ein großes Mobilisierungspotenzial zur Verteidigung demokratischer Freiheitsrechte insgesamt. Und gegen den Antifeminismus, der im Fahrwasser der AfD-Wahlerfolge nicht nur am rechten Rand wieder massiv zunimmt.

10. Inwiefern kann dabei der Blick in die Geschichte hilfreich sein?

Einerseits natürlich, um sich bewusst zu machen, was passiert, wenn autoritäre Kräfte ans Ruder kommen und allein das Recht des Stärkeren regiert. In meinem Buch zeige ich aber auch, wie schon im Kleinen unter Berufung auf die Geschichte und angebliche „Traditionen“ falsche Behauptungen verbreitet werden. Dazu gehört beispielsweise das alte Märchen, es läge nun einmal im Wesen der Frau, daheim zu bleiben und sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Wie selbstverständlich ist von der „traditionellen Familie“ die Rede, dabei hat es eine solche Tradition in Wahrheit nie gegeben!

11. Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie auf die Zukunft von Gleichberechtigung und demokratischen Werten blicken?

Bild: © Valeska Achenbach

Wir haben eine wache und sehr engagierte Zivilgesellschaft: So viele sind bereit, Geflüchteten oder andern Minderheiten zu helfen, in ihrer Freizeit Flyer zu verteilen, Unterschriften zu sammeln oder Demos zu organisieren! Eine deutliche Mehrheit wählt nach wie vor demokratische Parteien, das darf man bei aller Sorge über das Erstarken der AfD nicht vergessen. Ich glaube nicht, dass es der Rechten gelingen wird, alles zurückzudrehen, was hier nach dem Krieg, besonders ab 1968, erreicht wurde. Dafür profitieren wir einfach alle zu sehr von unserer freiheitlich-pluralistischen Ordnung mit ihrer Vielfalt an Gestaltungs- und Lebensmöglichkeiten. Natürlich ist längst nicht alles gerecht, und es lässt sich nicht leugnen, dass wir vor enormen Herausforderungen stehen. Die sind aber nur in einer offenen Gesellschaft und mit demokratischen Mitteln zu meistern – die Rechten haben dafür keine Lösungen. Im Gegenteil.

Liebe Frau Hoffmann, vielen Dank für Ihre Zeit, Ihre klaren Worte und Ihr Engagement für eine offene, demokratische und gerechte Gesellschaft. Ihre Perspektiven und Analysen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, komplexe Entwicklungen verständlich zu machen und Menschen zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu zeigen. Wir danken Ihnen herzlich für das inspirierende Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre wichtige Arbeit.

Über die Autorin

Kinga Bartczak

Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.

Abonnieren
Notify me at
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Am meisten bewertet
Nach oben scrollen