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Das Leben als Accessoire – Wie entkommen wir der Social Media Fatigue?

Das Leben als Accessoire – Wie entkommen wir der Social Media Fatigue?

Kinga Bartczak
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Was ist Social Media Fatigue?
Social Media Fatigue oder auch Social Media Müdigkeit bezeichnet sich die zunehmende Erschöpfung von Social Media-Nutzern und -Nutzerinnen in Bezug auf die sozialen Medien. Diese ziehen sich infolge aus den sozialen Netzwerken zurück, verringern ihre Verweildauer oder verändern ihr Nutzungsverhalten.

Gerade in der aktuellen Zeit ermüdet mich Social Media (Social Media Fatigue), denn alles was wir posten, scheint bedeutungslos im Hinblick auf all die Herausforderungen, die vor uns liegen (Stichworte: Klimawandel, Krieg, Gleichberechtigung, etc.), zu sein.

Ich frage mich, wie lange wir noch unsere individuelle Lebensarchitektur durch ein, ins Detail fabriziertes „Instagram-Leben“ ersetzen wollen.

Ich bin erstaunt, wie manche Menschen den Begriff „Authentizität“ verstehen. Kann man überhaupt „authentisch“ sein, wenn die Idee, die Bildkomposition, die Nachbereitung und geplante Veröffentlichung einer homogenisierten Komposition folgen?

Manchmal, so scheint es mir, gießen wir unser Leben in eine einheitliche Social Media-Form, sodass ich durchaus nachvollziehen kann, dass sich manche fragen:

Wie erkenne ich noch das Gesicht hinter dem Selfie?

Wie entkommen wir der Social Media Fatigue-Selbstinszinierung und Authentizität
Foto: Markus Spiske – unsplash

Die Selbstinszenierung folgt hierbei der Suche nach sozialer Anerkennung. Was ist der neuste Trend? Welche Pose lässt mich vorteilhaft aussehen? Welche Businessgeschichte kommt gerade besonders gut an?

Social Media suggeriert uns mit seinen lebenden Werbebannern und durch ein kolportiertes Selbstbildnis unserer vermeintlichen Vorbilder, dass wir aus unserem heutigen sowie jedem anderen Tag gefälligst etwas Besonderes machen sollen. Die Frage, die hierbei zwischen den Zeilen aufgeworfen wird, ist jedoch: Ist mein Leben überhaupt genug?

Natürlich bleibt diese Frage unbeantwortet, denn unsere virtuellen „Freund*innen“ haben nur toxische Positivität für uns übrig.

Die Aussage des französischen Baron de Montesquieu wirkt hierbei wie ein Augenöffner:

Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.

Anstatt also zu akzeptieren, wer wir wirklich sind und dass das Leben Schatten und Licht zugleich für uns birgt, flanieren wir auf den kaputten und durchlöcherten Straßen unserer Seele. Wir orientieren uns hierbei gutgläubig an dem kategorischen Imperativ unserer Zeit, welcher lautet: „Folge deinem Purpose.“

Was bleibt, ist ein intrapsychischer Konflikt. Wir wollen selbstbewusst und kompetent erscheinen, sehen die Kontrolle jedoch durch unsere Finger rinnen und würden gerne jemandem aufrichtig um Hilfe bitten.

Ich kann an dieser Stelle fast schon das Seufzen hören, denn wir alle haben diese konstruierte Scheinrealität satt und doch bewegen wir uns weiterhin im Rhythmus dieses flottierenden Karussells, wohlwissend, dass wir jederzeit abgeworfen werden können.

Und jetzt?

Authentizität, Machtlosigkeit und toxische Algorithmen

Wir sind nicht machtlos. Ganz gleich, welcher Situation oder Herausforderung wir begegnen, haben wir die Möglichkeit, über unseren Umgang damit zu entscheiden. Wir müssen nicht dem Narrativ folgen, dass wir nichts verändern können und gleichzeitig können wir uns bewusst darüber sein, dass sich die Erde auch ohne uns weiter dreht. Es ist ein Balanceakt, der täglich neu in unserem Inneren verhandelt wird. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf Allgemeingültigkeit verharren, sondern kurz meinen Weg sowie mein Verhalten hinsichtlich der Social Media-Müdigkeit, toxischer Algorithmen und digitaler Vereinsamung skizzieren.

Siehe auch
Female Empowerment-FemalExperts-Podcast

Wie können wir mit der Social Media Fatigue umgehen?

Erkenntnis

Dein Leben ist nicht „instagrammable“. Versuch erst gar nicht dem einheitlichen Standard gerecht zu werden. Heterogenität und Besonderheit entstehen nicht durch das Sammeln von Likes. Konzentriere dich nicht auf die 99%, die dich nicht kennen, sondern auf den 1%, der dir etwas bedeutet.

Entzug

Ich werde nicht müde, diesen Tipp immer weiterzugeben – Blocke dir feste Social Media Slots. Diese können individuell angepasst werden, sollten jedoch einen bestimmten Zeitrahmen (z.B. eine Stunde) nicht überschreiten (es sei denn, du bist Influencer*in). Wir verlieren uns so schnell in dieser unendlichen Glitzerwelt, doch die verlorene Zeit, in welcher wir in Bewunderung für andere schwelgen und uns nach einem „besseren“ Leben sehnen, wird uns nie wieder zurückgegeben.

Entscheidung

Es klingt abgedroschen, aber lebe deine Träume. Niemand hat in seinem Leben jemals etwas erreicht, indem er die Träume anderer geträumt hat. Überwinde das obige Narrativ, sodass du nicht in die Homogenisierungs-Falle tappst und nach Strand, Meer und einem Laptop auf dem Schoß suchst. Dein Traum kann auch ein anderer sein, nur du selbst hast die Antwort auf die Frage: „Wofür möchte ich morgens aufstehen?“

Eigenverantwortung

Es wäre so einfach, diesen Text mit einer betrüblichen Stimmung zu beenden und einem ernüchternden Blick auf die Welt zu frönen. Richtig: Es wäre zu einfach. Unser Bewusstsein und unsere reflektierte Entscheidungsfähigkeit differenzieren uns von allen Lebewesen auf dieser Erde. Wir sind nicht an allem selbst „schuld“ und unser Mindset ist auch nicht zu schwach, wenn Dinge schief gehen oder wir stolpern. Doch auch wenn wir einige Ereignisse in unserem Leben nicht beeinflussen können, weil sie von äußeren Umständen gelenkt werden, so besitzen wir doch die Souveränität, über dem Umgang mit diesen zu entscheiden. Wir können hinterfragen, trauern, wütend sein. Wir können Menschen um Hilfe bitten, uns professionelle Unterstützung holen oder loslassen, wenn die Situation es erfordert.

Wir wären erstaunt, wie grenzenlos unsere Möglichkeiten sind, wenn wir den Schritt raus aus unserer gesellschaftlichen Gussform wagen. Wir müssen uns nur trauen, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen, denn wir können immer nur uns verändern, nicht die anderen und manchmal auch nicht die äußeren Umstände.

Vielleicht bist du nach der Lektüre dieses Artikels wütend, irritiert oder gegenteilig hierzu, gar voller Frohsinn und Leichtigkeit?

Ich weiß es nicht und mag es nicht beurteilen, aber ich freue mich, wenn wir ins Gespräch kommen. Lasst uns ein wenig den Glitzer der Social Media Welt abstauben, denn einen freundlichen und aufrichtigen Austausch, so behaupte ich, kann kein schönes Selfie ersetzen.

Über den/die Autor*in

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Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

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