Sie kommen aus Tansania, dem Nordirak, Chile, Serbien, England und Südkorea. Sie sprechen Swahili, Kurmandschi, Spanisch, Serbisch, Englisch und Koreanisch. Und doch erzählen Nancy, Sheelan, Selenna, Nina, Paige und Sinai im Grunde dieselbe Geschichte: die Geschichte von jungen Frauen, die in einer Welt aufwachsen, die über ihre Körper, ihre Zukunft und ihre Identität mitentscheiden will und die trotzdem Nein sagen.
Ab dem 30. April 2026 läuft „Girls Don’t Cry” in den deutschen Kinos. Ein Dokumentarfilm, der erschüttert, ermutigt und noch lange nach dem Abspann nachwirkt.
Wenn Courage zur Überlebensstrategie wird
Nancy ist aus ihrer Heimat in Tansania geflohen, nicht vor Krieg, sondern vor einem Messer. Die weibliche Genitalverstümmelung, in Tansania offiziell unter Strafe gestellt und dennoch praktiziert, sollte an ihr vollzogen werden. Heute lebt sie im Schutzhaus der Organisation „Hope for Girls and Women Tanzania”. Sie weiß, dass ihre Flucht das Ansehen ihrer Familie im Dorf zerstört hat. Und sie hat diese Entscheidung trotzdem getroffen.
Sheelans Geschichte führt uns von den Gräueln des IS in die Sicherheit Tübingens und wieder zurück in die Unsicherheit, als das Wort „Remigration” plötzlich durch Deutschland geistert. Das jezidische Mädchen, das dem Völkermord entkommen ist, erlebt während der Dreharbeiten etwas, das kaum in Worte zu fassen ist: Die älteste Schwester kehrt nach acht Jahren IS-Gefangenschaft zurück. Freude und Trauma, nebeneinander, in einem einzigen Moment.
Was Regisseurin Sigrid Klausmann hier zeigt, ist kein Elendsporno, keine Betroffenheits-Ästhetik. Es ist radikale Nähe, geboren aus echtem Vertrauen.
Schönheit als Schlachtfeld

In Südkorea erwartet die Gesellschaft von Mädchen, dass sie sich operieren lassen. Nicht als freie Entscheidung, sondern als Eintrittskarte in Beruf und Privatleben. Sinai verweigert dieses Spiel. Statt unters Messer zu gehen, steht sie täglich in der BMX-Pipe und bereitet sich auf die Weltmeisterschaften vor. Eine konventionelle Schulbildung hat sie nie erhalten. Dafür etwas, das keine Schule lehren kann: die Fähigkeit, den eigenen Körper als Kraft zu begreifen, nicht als Makel.
Paige aus England ist 16 und Mutter. In letzter Minute entschied sie sich gegen eine Abtreibung, im Gegensatz zu ihrer besten Freundin, die denselben Weg nicht gegangen ist. Der Film urteilt nicht. Er beobachtet. Und diese Zurückhaltung ist es, die unter die Haut geht.
Heimat, Abschiebung, Identität: Was bleibt, wenn alles wegfällt
Nina lebt in einer Roma-Siedlung in Novi Sad. Sie wurde aus Deutschland abgeschoben. Der Film lässt ahnen, was das bedeutet: verlorene Bildungschancen, zerstörte Zugehörigkeit, gesellschaftliche Unsichtbarkeit. Und trotzdem oder gerade deshalb hat Nina ein klares Ziel. Sie will ein unabhängiges Leben. Dieser Satz klingt schlicht. In Ninas Mund ist er revolutionär.
Selenna aus Chile wurde im Körper eines Jungen geboren. Mit vier Jahren entschuldigte sie sich bei ihrer Mutter dafür, ein Mädchen zu sein. Heute kämpft sie als Aktivistin für die Rechte von Transgender-Personen. Ihre Geschichte ist eine Einladung, den Begriff „Mädchen sein” neu zu denken.
Ein Film, der nicht erklärt, sondern zeigt

„Girls Don’t Cry” ist das Werk einer Filmemacherin, die weiß, wann sie die Kamera ruhig halten muss. Sigrid Klausmann, die mit diesem Film ihre Karriere als Dokumentarfilmerin abschließt, widmete ihn ihrer ersten Enkeltochter. Diese persönliche Dringlichkeit spürt man in jeder Einstellung.
Die FBW-Jury verlieh dem Film das höchste Prädikat „besonders wertvoll” und das nicht wegen seiner Botschaft, sondern wegen seiner Haltung. Weil er die Mädchen nicht als Opfer inszeniert, sondern als das zeigt, was sie sind: handelnde Subjekte ihres eigenen Lebens.
Auf dem Interrobang Film Festival in Iowa gewann der Film den Award „Best Documentary”. Auf dem Ojo de Pescado Festival in Valparaíso eröffnete er das Programm als Eröffnungsfilm. Das internationale Echo ist eindeutig: Diese Geschichten berühren Menschen überall.
Was dieser Film mit uns macht
Eine Lehrerin aus Hildesheim schrieb nach einer Schulvorführung: Ihre Schülerinnen erklärten den Jungs anschließend, warum der Film auch sie etwas angeht. Genau das ist es, was guter Dokumentarfilm kann, er macht Räume auf, in denen Gespräche entstehen, die vorher nicht stattgefunden hätten.
In einer Zeit, in der die Errungenschaften der Frauenrechte weltweit unter Druck geraten, ist „Girls Don’t Cry” kein nostalgischer Rückblick und keine naive Durchhalte-Parole. Es ist ein präziser, zärtlicher und mutiger Blick auf das, was junge Frauen täglich leisten, oft ohne Applaus, oft gegen Widerstände, fast immer ohne Wahl.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Films: Mädchen weinen nicht, weil sie schwach sind. Sie weinen nicht, weil ihnen die Kraft fehlt. Sie weinen manchmal und stehen danach auf, und gehen weiter.
„Girls Don’t Cry” startet am 30. April 2026 in den deutschen Kinos. Weitere Informationen: girlsdontcry.org
Zum Trailer von Girls Don’t Cry
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Weitere InformationenÜber die Autorin
Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.
Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.
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