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Die Mär von der Liebe zur Arbeit

Die Mär von der Liebe zur Arbeit

Kinga Bartczak
Die Mär von der Liebe zur Arbeit-Titelbild

Ich liebe meine Arbeit nicht, denn sie liebt mich nicht zurück!

Wähle eine Arbeit, die Du liebst und Du wirst niemals wieder einen Tag in Deinem Leben arbeiten.

Konfuzius

Ich möchte es mal direkt auf den Punkt bringen: Ich habe selten einen solchen Quatsch gelesen.

Ich bin selbstständig, ich mache meine Arbeit wirklich gerne, aber ich liebe sie nicht, denn:

„Work won’t love you back.”

Man kann Erfüllung in seiner Arbeit finden, aber sie zu lieben, ist ein Mythos. Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, sie ist selbstlos und (bestenfalls) hat sie keine Erwartungen zu erfüllen. 

Deine Arbeit nimmt dich in Krisenzeiten nicht in den Arm, sie ist nicht selbstlos. Ziel ist es, am Ende des Monats deinen Kühlschrank zu füllen und bestenfalls noch etwas übrig zu haben, aber vor allem: Sie ist nicht ohne Erwartungen.

Vor allem wenn man selbstständig ist, merkt man schnell: Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, in welcher wir ständig damit beschäftigt sind, die Community bestmöglich zu „unterhalten“. Solange es Spaß macht, ist die intrinsische Motivation hoch, denn mit dem Wachstum kommt oftmals der Erfolg. Die drei Motivationsindikatoren: Kompetenz, Zugehörigkeit und Autonomie finden Erfüllung und hierdurch bleiben wir dran.

Das Social Media Credo: Veröffentliche oder verschwinde

Doch manchmal habe ich das Gefühl, dass vor allem in der Social Media-Welt das Motto gilt: “Publish or Perish.”

Was passiert, wenn du nichts mehr veröffentlichst? Wenn du dich nicht mehr zeigst? Wenn die Liebe zu deiner Arbeit keine Einwilligung zur persönlichen Weiterentwicklung, sondern eine Unterwerfung deiner Persönlichkeit bedeutet?

Diese Identitätskrise wird unter anderem durch die oben beschriebene Mär von der Liebe zur Arbeit ausgelöst und von dem Mythos der Beschäftigungssicherheit.

Im Grunde heißt das: Wenn du angestellt bist, ist deine Zukunftsplanung gesichert und wenn du deine Arbeit dann auch noch liebst, sollte ein außerordentliches Engagement selbstverständlich sein.

Umgekehrt wird dir innerhalb der Selbstständigkeit signalisiert: Hey, du hast deine Sicherheit zu Gunsten einer weiträumigen Flexibilität aufgegeben, jetzt zeige jedem wie unglaublich glücklich du darüber bist.

Nur eine Baustelle bearbeiten? Vergiss es!

Die Mär von der Liebe zur Arbeit-Spruch
Foto: Nick Fewings – unsplash

Nun, wir wissen mit den zunehmenden Krisen unserer Zeit (Finanz-; Wirtschafts-; Gesundheitskrise, etc.), dass Sicherheit relativ ist und wir spüren auch, dass diese einseitige Liebesbeziehung zur Arbeit sehr einsam machen kann.

Wir wissen ebenfalls, dass Selbstständigkeit eine große Herausforderung darstellt, denn nur wenige sprechen über Existenzängste, finanzielle Engpässe, unfreundliche Kunden/Kundinnen oder enorme Selbstzweifel. Die meisten Selbstständigen (sofern nicht familienversichert oder nebenberuflich selbstständig) bezahlen horrende Krankenkassengebühren, obwohl sie sich ohnehin keine Krankenzeit leisten können. Sie verzichten auf eine Absicherung in Form der Renten- oder Arbeitslosenversicherung, da diese Ausgaben erst einmal eingenommen werden müssen. Sie sind Mädchen/Junge für alles: Sie machen die Buchhaltung, das Marketing, den Vertrieb, das Design und sind für die Vision ihres Unternehmens zuständig.

Hier bringe ich die „Entrepreneurship-Traumblase“ mal zum Platzen: Am Anfang hast du vor allem Zeit, aber kein Geld, um alles auszulagern, was du vermeintlich nicht kannst oder machen möchtest.

Siehe auch
Artikelbild-Die Grundregeln der Kommunikation-Als-Frau-in-maennerdominierten-Unternehmen-gesehen-werden

Okay soweit, so entmutigt, aber was nun?

Wir wissen jetzt also, dass die Liebe zur Arbeit ein Konstrukt ist, um uns bei der Stange zu halten, egal ob angestellt oder selbstständig. Doch wie finden wir alternativ einen gesunden Zugang zu unserer Arbeit?

Wie wir uns schrittweise „Entlieben“

1. Trenne Geld, Besitz und Erfolg von Liebe

Du bist nicht weniger wert, nur weil du nicht so viel verdienst oder weil du in deinem Alter jenes oder dieses noch nicht hast, obwohl Freunde und Bekannte es besitzen. Du wirst auch nicht weniger geliebt, wenn du nicht genug leistest. Bei unserer Geburt sind wir perfekt ausgestattet gewesen: Wir schenken unsere Aufmerksamkeit nur den Dingen, die uns interessieren, haben keine Selbstzweifel und folgen unserer Abenteuerlust. Ich frage dich also: Wo bleibt innerhalb deiner Arbeit die Sehnsucht, die Abenteuerlust, die Freude? Reicht es dir irgendwann auf deinen Grabstein zu blicken und zu lesen: „Geboren, gelebt, gestorben“? Wenn ja, dann kannst du den ganzen Text hier vergessen. Wenn du jedoch mehr möchtest, dann frage dich, wie du es bekommen kannst.

2. Hole dir Unterstützung 

Jetzt hast du dich zurecht gefragt, wie du „mehr“ bekommen kannst und verzweifelst schier an diesem Gedanken? Ich gebe dir einen persönlichen Tipp: Eine Fortbildung oder ein Coaching können hierbei absolute Gamechanger sein. Natürlich ist es schwer, sich jahrzehntealter Konditionierung allein zu entziehen. Hole dir hierfür einen Profi an deine Seite, denn wenn wir versuchen tiefergehende Herausforderungen selbst zu lösen, fallen wir oft dem Selbstbetrug anheim.

3.Entziehe dich der Aufmerksamkeitsökonomie 

Vor allem wenn man selbstständig ist, ist Social Media fast schon ein MUSS, um überhaupt sichtbar zu sein und etwas zu verdienen. Entsprechend wäre der Rat, sich dieser ganzen Maschinerie gänzlich zu entziehen, mit der Empfehlung gleichzusetzen, sein Business komplett aufzugeben. Doch wie heißt es so schön: Die Dosis macht das Gift. Ich für meinen Teil denke niemals daran, mit meinen Beiträgen neue Kundinnen/Kunden zu akquirieren. Ich möchte Mehrwert schaffen, ich möchte zum Diskurs einladen und aufklären. Entsprechend habe ich dieses Gefühl der „Bespassungskultur“ an den Nagel gehängt. Wenn ich aufhöre zu posten, wird mein Business nicht aufhören zu existieren. Sollte es sich bei dir anders verhalten, kannst du dem Druck nur standhalten, indem du dir auch hier die Fragen von 1) zu Gemüte führst. Warum machst du das Ganze eigentlich und wer bist du, wenn du ab morgen nicht mehr postest? Hierdurch gelingt dir auch ein Richtungswechsel und du es wächst möglicherweise auch die Erkenntnis, dass da mehr ist, als du dachtest. Lass dich nicht entmutigen, wenn deine Gedanken hier erstmal entmutigend wirken. Hier gilt das Motto: „New Level, new Devil“, d.h mit neuen Herausforderungen kommen neue Stolpersteine, das ist Teil des unendlichen Spiels und gehört zum Leben dazu.

4. Liebe leidenschaftlich und ausgiebig

Egal ob selbstständig oder nicht – Liebe die Menschen, die dir nahestehen, alles andere ist keine Liebe, sondern dein bestätigtes Gefühl, dass die drei Motivationsfaktoren (Kompetenz, Zugehörigkeit und Autonomie), die du zur Nährung deiner intrinsischen Motivation benötigst, erfüllt sind. Deine Follower*innen sehen etwas in dir, was sie selbst gerne erfüllt haben möchten. Sie konsumieren gerne deine Inhalte, aber sie lieben dich nicht. Deine Arbeit, so haben wir ausgiebig festgestellt, liebt dich ebenfalls nicht, denn dein Paycheck erfüllt nur seinen Zweck, mehr nicht. Auch dein Kollegium liebt dich nicht. Sie schätzen oder respektieren dich. Vielleicht hegen sie gar freundschaftliche Gefühle, aber wenn morgen die Welt untergehen würde, wärst du vermutlich nicht die Person, mit der sie ihre letzten Stunden verbringen würden – und das ist okay. Mit dieser Erkenntnis gelingt es uns um einiges leichter, Abstand zu gewissen Strukturen, Aufgaben und Personen zu halten, was wiederum unsere Resilienz stärkt.

Denke daran

„Die äußere Realität versucht mit ihren grauen Farben (Arbeit, Geld, Verantwortung, etc.) unsere bunte Innenwelt (Liebe, Abenteuerlust, Freude, etc.) zu übermalen. Doch es gibt Möglichkeiten, sich von den grauen Schattierungen zu lösen und das Leuchten der Farben darunter erneut zum Vorschein zu bringen.“

Eine dieser Möglichkeiten ist es, die Mär von der Liebe zur Arbeit endlich zu überwinden. Hierdurch machen wir uns frei von dem Gedanken, jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen aufwachen zu müssen, denn nichts ersetzt die Aufrichtigkeit eines ehrlich gemeinten Lächelns.

Über den/die Autor*in

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Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

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