Gerade lesend
Zwei Künstlerinnen, viele Katzen – und die leise Kunst des Wachsens

Zwei Künstlerinnen, viele Katzen – und die leise Kunst des Wachsens

Kinga Bartczak
Die leise Kunst des Wachsens-Artikelbild2

In einer Ära, in der Perfektion per Klick geliefert wird und künstliche Intelligenz mühelos neue Welten erschafft, wirkt der Kurzfilm „It’s not for me“ von Veronika Bolotina wie ein leises Innehalten. Kein Spektakel, keine schnellen Schnitte – sondern ein zartes, analoges Porträt über das Entstehen, Zweifeln und Wachsen einer jungen Künstlerin. Und über das, was wir so oft übersehen: die Schönheit des Unaufgeregten.

Eine Wohnung, viele Leinwände – und Katzen, die alles beobachten

Im Zentrum steht Lera Dubitskaya, eine in Belarus geborene polnische Künstlerin. Ihre Welt ist klein, intim, voller leiser Routinen – und bewohnt von Katzen, die so präsent sind wie die Farben auf ihren Pinseln. Sie malt fragile Wesen: skurrile Tiere, melancholische Fabelgestalten, zarte Monster mit großem Herzen. Jedes Bild scheint ein stiller Ausdruck ihres inneren Dialogs zu sein – mit sich selbst, ihrer Herkunft, ihrem Platz in dieser Welt.

Die leise Kunst des Wachsens-Analoges Filmen

Analoge Kunst als Haltung

Veronika Bolotina hat sich bewusst für 16mm-Film entschieden. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Die Wahl des Materials ist Teil der Erzählung – denn analog zu filmen bedeutet, sich festzulegen. Jeder Take ist kostbar. Jede Entscheidung zählt. Kein digitales Zurückspulen, kein „wir machen’s nochmal schnell anders“.

„Film, genau wie Malerei, hat eine greifbare Präsenz“, erklärt die Regisseurin. „Er ist fehleranfällig, aber genau das macht ihn ehrlich.“ So wird der Akt des Filmens selbst zur künstlerischen Aussage – eine Art visuelles Pendant zur Arbeit mit Farbe, Leinwand und Pinsel.

Die leise Kraft weiblicher Kreativität

„It’s not for me“ folgt keiner klassischen Dramaturgie. Es gibt keine lauten Wendepunkte, keine überzogenen Emotionen. Stattdessen entsteht ein feinfühliger Rhythmus aus Alltagsmomenten, Blicken und Bewegungen. Die Kamera schaut nicht auf Lera herab, sondern bleibt auf Augenhöhe. Was entsteht, ist ein Raum für Verletzlichkeit – und für die stille Hartnäckigkeit, die künstlerisches Schaffen oft begleitet.

Die Katzen werden dabei zu stillen Zeuginnen. Sie schleichen durch das Bild, fordern Aufmerksamkeit oder ignorieren alles demonstrativ. Sie sind Muse, Metapher und Mitbewohner zugleich. Und ihre Präsenz verleiht dem Film eine zusätzliche Tiefe – wie kleine Fragezeichen, die durch jede Szene wandern.

Ein Wiedersehen mit kreativer Spannung

Die Verbindung zwischen Veronika und Lera ist keine zufällige. Beide haben einst gemeinsam Kunst studiert – in Belarus, bevor sich ihre Wege trennten. Veronika ging in den Film, Lera blieb bei der Malerei. Jetzt kreuzen sich ihre Pfade erneut – in einem Projekt, das mehr ist als ein Film: eine visuelle Versöhnung, ein kreatives Wiederfinden zweier Seelen, die sich gegenseitig verstehen.

„Natürlich war es manchmal herausfordernd“, sagt Veronika. „Aber wir haben uns gegenseitig inspiriert und angestachelt – auf die beste Weise.“

Siehe auch
SORRY, BABY-Artikelbild (c)A24

Ein Film als Gegenerzählung zur Beschleunigung

Inmitten einer Kultur, in der Inhalte in Sekundenschnelle konsumiert und vergessen werden, ist „It’s not for me“ fast ein Akt des Widerstands. Kein Retro-Statement, sondern ein bewusster Gegenentwurf. Eine Einladung, das Tempo zu drosseln. Hinzusehen. Zuhören. Und sich von der Zartheit eines Moments berühren zu lassen.

Der Film feiert keine glatte Oberfläche, keine inszenierte Genialität. Sondern den Weg dorthin. Das Ringen mit sich selbst. Die kleinen Schritte, aus denen manchmal große Werke entstehen.

Wenn Frauen Räume füreinander schaffen

Vielleicht ist das Schönste an diesem Film nicht, was er zeigt – sondern wie er entstanden ist. Zwei Frauen, die einander Raum geben. Für Zweifel. Für Ideen. Für Andersartigkeit. Nicht aus Prinzip, sondern aus echtem Respekt. Und aus dem Wunsch, gemeinsam etwas zu erschaffen, das bleibt.

„It’s not for me“ läuft derzeit auf Festivals – still, unbeirrbar, wie ein sanftes Tier, das sich nicht zähmen lässt. Und das genau darin seine größte Kraft entfaltet.

Die leise Kunst des Wachsens-Artikelbild

Über die Autorin

Kinga Bartczak
Website |  + Beiträge

Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.

Abonnieren
Notify me at
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Am meisten bewertet
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare
Nach oben scrollen