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Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war: Mehr als eine Hommage zum 100. Geburtstag

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war: Mehr als eine Hommage zum 100. Geburtstag

Kinga Bartczak
07_IngeborgBachmann_©ElliottKreyenberg

Filme über berühmte Schriftstellerinnen folgen oft einem bekannten Muster: Kindheit, Karriere, Beziehungen, Krisen und schließlich das Vermächtnis. Regina Schilling geht mit „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ einen anderen Weg. Sie erzählt nicht einfach das Leben einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Sie versucht vielmehr, ihrem Denken, ihrer Sprache und ihrer inneren Zerrissenheit nahezukommen.

Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm, der weniger erklären als erleben lassen möchte – und gerade dadurch lange nachwirkt.

Eine Autorin, die bis heute provoziert

Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Nachkriegszeit. Ihre Gedichte, Erzählungen und Romane beschäftigten sich mit Macht, Gewalt, Sprache, Liebe und den gesellschaftlichen Strukturen, die Menschen prägen und verletzen können.

Doch obwohl ihr Werk heute fester Bestandteil des literarischen Kanons ist, bleibt Bachmann eine faszinierende Figur voller Widersprüche. Sie war gefeierte Intellektuelle und zugleich von Selbstzweifeln geprägt. Sie suchte Öffentlichkeit und zog sich immer wieder zurück. Sie kämpfte um Anerkennung in einer von Männern dominierten Literaturszene und wehrte sich gleichzeitig gegen jede Form der Vereinnahmung.

Genau diese Ambivalenz steht im Mittelpunkt des Films.

Sandra Hüller macht Bachmann spürbar

©ElliottKreyenberg

Der größte Trumpf des Films ist Sandra Hüller. Allerdings spielt sie Bachmann nicht im klassischen Sinne. Sie trägt keine biografische Maske und versucht nicht, die Schriftstellerin möglichst exakt zu imitieren.

Stattdessen entsteht eine Art Dialog zwischen zwei Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen. Hüller bewegt sich durch Räume, hört Bachmanns Texte, reagiert auf ihre Gedanken und lässt deren Worte wirken. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Nähe, die weit über eine bloße Darstellung hinausgeht.

Gerade weil Hüller nicht „Bachmann spielt“, sondern sich ihr annähert, entsteht etwas Authentisches. Die Schauspielerin verleiht den Texten eine emotionale Kraft, ohne sie zu überfrachten.

Zwischen Dokumentation und Kunstfilm

Regina Schilling entscheidet sich bewusst gegen eine klassische Erzählweise. Archivmaterial, Interviews, Fotografien, literarische Texte und neu gedrehte Szenen verschmelzen zu einer filmischen Collage.

Dieser Ansatz passt hervorragend zu einer Autorin, deren Werk selbst oft fragmentarisch, poetisch und vielschichtig war. Gleichzeitig verlangt er dem Publikum Konzentration ab. Der Film folgt keiner linearen Dramaturgie und verzichtet weitgehend auf einfache Erklärungen.

Wer sich darauf einlässt, erlebt eine sehr persönliche Begegnung mit Bachmann. Wer eine konventionelle Dokumentation erwartet, könnte sich jedoch stellenweise verloren fühlen.

Die erstaunliche Aktualität von Bachmanns Themen

Besonders beeindruckend ist, wie gegenwärtig viele Gedanken der Autorin wirken. Bachmann schrieb über Machtmissbrauch, gesellschaftliche Rollenzuschreibungen, psychische Belastungen, sprachliche Gewalt und die oft unsichtbaren Mechanismen patriarchaler Strukturen.

Vieles davon liest sich heute fast erschreckend modern. Der Film macht deutlich, dass zahlreiche Debatten, die aktuell unter Schlagworten wie Gleichberechtigung, Mental Health oder strukturelle Diskriminierung geführt werden, bereits in Bachmanns Werk angelegt sind.

Dabei wirkt die Regisseurin nie belehrend. Statt politische Botschaften in den Vordergrund zu stellen, lässt sie die Texte für sich selbst sprechen.

Wenn die Form wichtiger wird als die Geschichte

So überzeugend viele Elemente des Films sind, bleibt ein kleiner Kritikpunkt bestehen: Nicht jede Zuschauerin und nicht jeder Zuschauer wird emotional erreicht.

Die starke Konzentration auf Atmosphäre, Sprache und Gedankenwelten führt dazu, dass manche biografischen Aspekte nur angedeutet werden. Beziehungen zu Paul Celan, Max Frisch oder Hans Werner Henze werden zwar thematisiert, bleiben aber oft bewusst skizzenhaft.

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Dadurch gewinnt der Film an künstlerischer Freiheit, verliert aber stellenweise an erzählerischer Zugänglichkeit. Besonders Menschen ohne Vorkenntnisse über Bachmann könnten Schwierigkeiten haben, die vielen Anspielungen vollständig einzuordnen.

Visuell zurückhaltend, aber wirkungsvoll

©ElliottKreyenberg

Die Bildsprache des Films ist ruhig und konzentriert. Es gibt keine spektakulären Effekte oder aufdringlichen Inszenierungen. Stattdessen dominieren Beobachtungen, Gesichter, Räume und Archivbilder.

Diese Zurückhaltung passt hervorragend zum Thema. Der Film vertraut darauf, dass Worte und Gedanken ihre Wirkung entfalten können. Unterstützt wird dies durch die eindringliche Musik von Soap&Skin, die den poetischen Charakter der Inszenierung unterstreicht.

Fazit: Anspruchsvoll, intelligent und berührend

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ ist kein Film, der gefallen möchte. Er ist ein Film, der sich Zeit nimmt. Für Gedanken. Für Sprache. Für Widersprüche.

Regina Schilling gelingt ein sensibles Porträt einer Frau, die ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht voraus war. Sandra Hüller trägt dieses Projekt mit großer Präsenz und macht deutlich, warum Bachmann auch hundert Jahre nach ihrer Geburt nichts von ihrer Relevanz verloren hat.

Der Film richtet sich weniger an Menschen, die eine klassische Biografie suchen, sondern an Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich auf Literatur, Kunst und komplexe Persönlichkeiten einlassen möchten.

Über die Autorin

Kinga Bartczak

Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.

Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.

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