Ob Gehaltsverhandlung, Honorargespräch mit Kunden oder die Abstimmung mit Dienstleistern – Verhandlungen sind fester Bestandteil jedes unternehmerischen Alltags. Und trotzdem: Viele Frauen gehen zögerlich in solche Gespräche, unterschätzen ihren eigenen Wert oder machen zu schnell Zugeständnisse. Dabei ist Verhandeln keine Frage des Talents – es ist eine erlernbare Fähigkeit. Wer sich strukturiert vorbereitet und die richtigen Strategien kennt, verhandelt selbstbewusster, erfolgreicher und bleibt dabei ganz sie selbst.
Warum Vorbereitung alles ist
Eine erfolgreiche Verhandlung beginnt lange vor dem eigentlichen Gespräch.
Der erste Schritt: Klarheit über die eigenen Ziele.
- Was möchte ich erreichen?
- Was wäre ein gutes Ergebnis und was ist mein absolutes Minimum?
Genauso wichtig: die Perspektive des Gegenübers.
- Welche Interessen verfolgt er oder sie?
- Welche Einwände sind zu erwarten?
Besonders kraftvoll ist das Konzept der BATNA – der Best Alternative to a Negotiated Agreement, also der besten Alternative, falls keine Einigung zustande kommt. Wer eine starke Alternative in der Hinterhand hat, verhandelt aus einer Position der Stärke heraus, denn Druck entsteht nur dann, wenn man glaubt, keine Wahl zu haben.
Im nächsten Schritt geht es darum, alle Verhandlungsvariablen zu definieren – also alles, worüber verhandelt werden kann. Bei einem Honorargespräch sind das etwa Höhe und Zahlungsmodalitäten, Leistungsumfang, Laufzeit oder Zusatzleistungen. Bei Kooperationen kommen Verantwortlichkeiten, Umsatzteilung oder exklusive Konditionen hinzu. Je besser man den Spielraum der Gegenseite einschätzen kann, desto gezielter lassen sich Angebotspakete schnüren.
Die unausgesprochenen Regeln kennen
Verhandlungen fühlen sich oft unangenehm an, das ist völlig normal und kein Zeichen von Schwäche. Wer das akzeptiert, bleibt ruhiger und souveräner im Gespräch. Ein oft unterschätztes Mittel: Schweigen. Wer nach einer Forderung schweigt, erhöht den Druck auf die Gegenseite und gibt ihr gleichzeitig Raum, das Angebot zu überdenken.
Ein weiteres Prinzip, das gerade für Frauen besonders wirkungsvoll ist: Perspektivübernahme. Wer die Prioritäten des Gegenübers versteht, kann gezielter auf sie eingehen und kreativere Lösungen anbieten, die für beide Seiten attraktiv sind. Das ist kein Entgegenkommen um jeden Preis – sondern clevere Verhandlungsführung.
Kompetitiv oder kooperativ – den richtigen Modus wählen
Nicht jede Verhandlung ist gleich. Es gibt ein Spektrum zwischen kompetitiv (jede Seite kämpft für das maximale Ergebnis) und kooperativ (gemeinsam nach der besten Lösung suchen). Bei einmaligen Transaktionen kann ein kompetitiver Ansatz sinnvoll sein. In langfristigen Geschäftsbeziehungen hingegen sind Win-win-Lösungen das klügere Ziel.
Konkret bedeutet das: Geht es um eine Einmalverhandlung, etwa den Preis für ein Projekt, ist ein höherer Einstiegspreis strategisch sinnvoll, da er Spielraum zum Nachgeben lässt. Bei einer Partnerschaft, die langfristig tragen soll, ist ein moderater Einstieg und der Fokus auf gemeinsame Interessen oft wirkungsvoller.
Was in der Verhandlung zählt
Ein paar Grundsätze, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Nicht zu schnell zustimmen: Jedes Zugeständnis sollte an eine Gegenleistung geknüpft sein. Kein Geben ohne Nehmen.
- Gegenforderungen antizipieren: Wer mögliche Einwände kennt, ist nicht überrumpelt, sondern vorbereitet.
- Den eigenen Wert kennen und kommunizieren: Wer unsicher wirkt, signalisiert Verhandlungsbereitschaft nach unten.
- Pausen nutzen: Ein kurzes „Ich melde mich morgen“ kann Wunder wirken und schützt vor voreiligen Entscheidungen.
Typische Verhandlungssituationen für selbstständige Frauen und Unternehmerinnen
Honorarverhandlungen mit Kunden: Hier empfiehlt sich, den eigenen Wert konkret zu belegen, durch Referenzen, messbare Ergebnisse oder die Knappheit der eigenen Kapazitäten. Wer einen Konkurrenzrahmen aufzeigen kann („Ich habe auch andere Anfragen“), stärkt die eigene Position spürbar.
Kooperationen und Partnerschaften: Zentrale Variablen sind Verantwortlichkeiten, Umsatzteilung, Exklusivität und langfristige Entwicklung der Zusammenarbeit. Wer hier klar kommuniziert, was ihr wichtig ist, verhindert Missverständnisse und setzt die Basis für eine stabile Beziehung.
Gehaltsverhandlungen in Festanstellung: Der richtige Zeitpunkt, eine gut begründete Forderung und das Wissen um Marktgehälter sind entscheidend. Wer die eigene BATNA kennt, ob konkretes Angebot woanders oder klar definierte Alternative, verhandelt auf Augenhöhe.
Nachbereitung: Der unterschätzte Schlüssel zum Wachstum
Was nach der Verhandlung kommt, ist mindestens genauso wichtig wie die Vorbereitung. Einige hilfreiche Reflexionsfragen:
- War ich ausreichend vorbereitet?
- Habe ich zu schnell zugestimmt?
- Welche Forderungen haben mich überrascht?
- Habe ich den Verhandlungsspielraum wirklich ausgeschöpft?
Diese Analyse klingt simpel, sie ist aber der schnellste Weg zur eigenen Verhandlungskompetenz. Wer nach jeder Verhandlung kurz reflektiert, wird mit jeder Runde besser.
Fazit: Verhandeln ist dein Recht
Verhandeln ist kein aggressiver Akt und kein Zeichen von Gier. Es ist das selbstverständliche Eintreten für den eigenen Wert. Und genau das ist Female Empowerment in der Praxis: Wissen, was man wert ist. Es klar kommunizieren. Und bereit sein, dafür einzustehen.
Wer sich strukturiert vorbereitet, die richtigen Spielregeln kennt und Gespräche reflektiert nachbereitet, wird nicht nur sicherer, sie wird auch erfolgreicher. Ganz egal, ob als Unternehmerin, Führungskraft oder Freelancerin.




