Im heutigen Role Model Interview stellen wir eine Frau vor, deren Lebensweg Grenzen überschreitet: Dr. Nada Raddaoui. Geboren in Tunesien, promovierte sie als erste tunesische Frau in Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München – ein Meilenstein, der den Auftakt zu einer außergewöhnlichen Karriere markierte. Heute verbindet sie wissenschaftliche Exzellenz mit unternehmerischer Wirkung, leitet den Cluster für Nukleinsäure-Therapeutika an der Universität München und setzt sich leidenschaftlich für Bildung, Chancengleichheit und neue Perspektiven für Frauen mit Migrationserfahrung ein. Als internationale Speakerin, Botschafterin des Monaco Women Forum und neues Mitglied im Club Europäischer Unternehmerinnen gestaltet sie den Diskurs über Leadership, Vielfalt und Verantwortung aktiv mit.
1. Liebe Frau Raddaoui, ich freue mich sehr, Sie im heutigen FemalExperts Role Model Interview unserer Community vorzustellen und starte gerne direkt mit der ersten Frage: Sie sprechen offen darüber, dass Ihr Lebensweg in Europa mit einem „Koffer voller Träume“ begann und nicht vorgezeichnet war. Können Sie das unseren Lesenden ein wenig näher erläutern?
Der innere Funke, der mir sagte: „Du bist hier, weil deine Träume eine Chance verdienen”, gab mir den Mut, jeden Tag einen Schritt weiterzugehen, auch wenn ich nicht wusste, wohin er führt. Als ich – als erste Frau aus Gafsa überhaupt – nach Europa kam, war mein Ziel, mir ein Leben aufbauen, das größer ist als die Grenzen, die mir meine Herkunft, meine Umstände oder die Erwartungen anderer gesetzt hatten. Nichts war vorgezeichnet. Ich hatte keine Abkürzungen, keine Netzwerke, keine Sicherheiten. Dieser „Koffer voller Träume“ ist für mich heute ein Symbol für drei essentielle Dinge: Dass man mit null oder gar minus starten kann und trotzdem Großes erreichen darf; dass Herkunft eine Kraftquelle ist und kein Hindernis, und: dass wir alle die Verantwortung haben, anderen die Türen zu öffnen. Denn genau diese Erfahrung durfte ich selbst machen: dass Unterstützung manchmal genau dann kommt, wenn man sie am dringendsten braucht. Ich weiß, wie viel es bedeutet, wenn jemand sagt: Du schaffst das. Geh weiter.
Heute lebe ich Träume, die ich damals nicht einmal zu träumen gewagt hätte, größer, tiefer und bedeutungsvoller, als ich es mir als junge Frau mit diesem einen Koffer hätte vorstellen können.
2. Viele Migrantinnen, darunter auch ich, tragen zumeist ein großes „Päckchen“ an automatischen Erwartungen, sei es im Hinblick auf die schulische/berufliche Leistung, die eigene Rolle oder Identität. Haben auch Sie solche Erwartungsmuster erlebt und wenn ja, wie haben Sie Umgang mit diesen gefunden?
Ich kenne dieses „Päckchen“ sehr gut. Als ich nach Europa kam, hatte ich das Gefühl, dass ich doppelt so gut sein muss, um halb so viel Anerkennung zu bekommen. Die Erwartung, stark und dankbar zu sein und oft sogar die Erwartung, zwei Identitäten – Herkunft und neue Heimat – gleichzeitig perfekt zu leben. Alle haben auf mich geschaut als das einzige Mädchen aus Gafsa, das nach Deutschland zum Studieren ausgewandert ist. Ich spürte Stolz, Sorge und Skepsis der anderen und wusste: Wenn ich scheitere, scheitere ich nicht nur für mich, sondern gleichzeitig für all die Mädchen, die nach mir gerne denselben Weg gewählt hätten.
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass diese Erwartungen zwar Teil meiner Geschichte sind, aber nicht mein Leben bestimmen dürfen. Ich habe verstanden, dass Stärke nicht bedeutet, alles allein zu tragen, sondern zu erkennen, was wirklich meins ist und was mir von außen auferlegt wurde. Ein Teil dieser Reise war auch, meine Identität neu zu definieren. Ich sage oft: Ich bin manchmal die deutsche Tunesierin und manchmal die tunesische Deutsche und sehr oft sogar deutscher als die Deutschen. Das klingt humorvoll, aber es beschreibt etwas Tiefes. Identität ist nicht statisch. Sie ist ein Mosaik aus Erfahrungen, Sprachen, Kulturen und Entscheidungen und darf widersprüchlich sein. Heute sehe ich meine Herkunft nicht als Last, sondern als Ressource. Sie gibt mir Perspektiven, die andere nicht haben. Sie gibt mir Resilienz, Empathie und die Fähigkeit, Brücken zu bauen. Und vielleicht das Wichtigste: Ich habe verstanden, dass ich niemandem etwas beweisen muss. Nicht mehr. Ich darf meinen eigenen Maßstab setzen und ich wünsche mir, dass jede Frau mit Migrationsgeschichte diesen Moment für sich findet. Meine Erfolge sind ein Zeichen dafür, dass Herkunft kein Limit ist. Dass Träume wachsen dürfen. Und dass wir alle die Kraft haben, Erwartungen zu durchbrechen und neue zu setzen.
3. Gerne würde ich eine spannende Brücke zu Ihrer Forschungslage schlagen: Ihre Forschung zur Genmarkierung und später zur Diagnostik genetischer Erkrankungen war bahnbrechend. Wie haben Sie gelernt, wissenschaftliche Innovation mit praktischem gesellschaftlichem Nutzen zu verbinden?
Während meiner Forschung stellte ich mir immer zwei Fragen gleichzeitig: „Ist das wissenschaftlich spannend?“ und „Wem nützt es?“ Letztere hat mich motiviert, Technologien zu entwickeln, die nicht nur elegant im Labor funktionieren, sondern auch diagnostische Innovationen bilden – zum Beispiel bei seltenen genetischen Erkrankungen, bei denen eine frühe Diagnose über Lebensqualität und Lebenserwartung entscheidet. Forschung war für mich also nie nur ein intellektuelles Abenteuer, das mit einer Publikation endet. Wissenschaftliche Innovation ist nur dann wirklich kraftvoll, wenn sie einen Weg aus dem Labor hinaus findet – hinein in die Gesellschaft, zu den Menschen, die sie brauchen. Ich komme aus einer Region, in der viele Familien keinen Zugang zu moderner Diagnostik oder spezialisierter Medizin haben. Wissen bedeutet Verantwortung. Wer versteht, wie Krankheiten entstehen, hat auch die Pflicht, dieses Wissen so einzusetzen, dass es Menschen hilft.
Heute baue ich Brücken zwischen Grundlagenforschung und Anwendung, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zwischen Innovation und sozialer Verantwortung. Für mich ist das der Kern dessen, warum ich Wissenschaft liebe.
4. Sie leiten ein Netzwerk aus Universitäten und Unternehmen, das an nukleinsäurebasierten Therapeutika arbeitet. Welche Eigenschaften braucht eine Führungspersönlichkeit in einem so komplexen Feld?
Für mich bedeutet Führung in diesem Feld: Wissenschaft verstehen, Menschen verbinden und Verantwortung übernehmen – für Innovation, für Teams und letztlich für die Gesellschaft. In diesem Wissenschaftsbereich, der sich rasant entwickelt, hochkomplex ist und in dem Universitäten, Kliniken, Start‑ups und große Pharmaunternehmen zusammenkommen, braucht eine Führungspersönlichkeit:
- Erstens: wissenschaftliche Neugier und Demut. In der Nukleinsäureforschung gibt es keine einfachen Antworten. Technologien wie RNA‑Therapien, Gentherapien oder Gen‑Editing verändern sich ständig. Eine gute Führungskraft muss bereit sein, jeden Tag dazuzulernen und gleichzeitig akzeptieren, dass sie nicht alles wissen kann. Demut schafft Raum für echte Zusammenarbeit.
- Zweitens: die Fähigkeit, Brücken zwischen zahlreichen Disziplinen zu bauen. Ich leite ein Netzwerk, in dem Menschen aus unterschiedlichen Welten zusammenarbeiten: Grundlagenforschung, klinische Medizin, Biotechnologie, Industrie, Regulierung. Ich muss diese Sprachen verstehen und übersetzen können, um das Zusammenspiel überhaupt erst möglich zu machen.
- Drittens: Mut zur Entscheidung. Gerade in einem so dynamischen Feld braucht es jemanden, der Entscheidungen trifft.
- Viertens: Empathie und Menschlichkeit. Wir arbeiten an Therapien, die das Leben von Patientinnen und Patienten verändern können. Empathie ist kein „Soft Skill“, sondern ein strategischer Vorteil. Sie hilft, eine Kultur zu schaffen, in der Innovation überhaupt möglich wird.
- Und fünftens: die Fähigkeit, Vision und Realität zu verbinden. Nukleinsäurebasierte Therapeutika haben das Potenzial, Krankheiten zu behandeln, die früher als unheilbar galten. Vision ohne Umsetzung bleibt ein Traum. Umsetzung ohne Vision bleibt Mittelmaß.
5. Was war Ihre größte Lernkurve beim Wechsel von der Forschung in die Geschäftsführung?
Die größte Lernkurve war für mich: zu akzeptieren, dass Perfektion nicht immer möglich ist – und auch nicht immer nötig. In der Forschung ist Perfektion ein Ideal. In der Unternehmensführung ist sie manchmal ein Hindernis. Ich durfte lernen, Risiken bei Projekten einzugehen und darauf zu vertrauen, dass wir sie tragen können.
In der Wissenschaft lernt man, tief zu graben, präzise zu arbeiten, Hypothesen zu testen und geduldig zu sein. In der Geschäftsführung dagegen geht es um schnelle Entscheidungen, um das Tragen von Verantwortung und den Umgang mit Unsicherheiten, die sich nicht einfach „wegexperimentieren“ lassen. Und: Als Wissenschaftlerin war ich es gewohnt, vieles allein zu lösen. Heute weiß ich: Führung bedeutet vor allem auch, zu delegieren.
Und schließlich habe ich gelernt, dass wirtschaftliche und menschliche Entscheidungen keine Gegensätze sind. Mein Unternehmen arbeitet mit Frauen, die oft am Rand der Gesellschaft stehen. Ihre Geschichten, ihre Hoffnungen, ihre Herausforderungen sind Teil meiner täglichen Realität. Heute weiß ich: Ein Unternehmen kann erfolgreich sein und gleichzeitig ein Ort der Würde, der Chancen und der Veränderung.
6. Gibt es etwas im Bereich Entrepreneurship, dass sie gerne vorher gewusst hätten und was sie allen (künftigen) Gründerinnen und Forscherinnen mit auf den Weg geben möchten?

Ja! Entrepreneurship ist kein gerader Weg (und das ist völlig in Ordnung). Als Wissenschaftlerin war ich es gewohnt, dass Prozesse logisch, strukturiert und datenbasiert sind. Im Unternehmertum habe ich gelernt, dass man manchmal ins Ungewisse springen muss, dass nicht jede Entscheidung perfekt vorbereitet sein kann und dass Scheitern kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein natürlicher Teil des Wachstums.
Als Gründerin trägt man oft das Gefühl, alles selbst stemmen zu müssen – Strategie, Finanzen, Personal, Vision. Dabei liegt wahre Stärke darin, sich ein Umfeld zu kreieren, das einen selbst ergänzt. Menschen, die anders denken, anders fühlen, anders arbeiten. Menschen, die einen herausfordern und gleichzeitig auffangen.
Meine Top 5-Tipps an künftige Gründerinnen und Forscherinnen:
- Traut euch, groß zu denken. Innovation entsteht nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Mut.
- Baut Netzwerke, bevor ihr sie braucht. Wissenschaft und Unternehmertum sind beides Teamsport. Beziehungen, Mentoring, Kooperationen, sie sind oft entscheidender als jede technische Fähigkeit.
- Lasst euch nicht von Perfektion bremsen. Perfektion ist ein wissenschaftliches Ideal, aber ein unternehmerisches Hindernis. „Gut genug“ kann manchmal der wichtigste Schritt sein, um weiterzukommen.
- Vergesst eure Werte nicht. Unternehmertum ist kein Selbstzweck. Es ist ein Werkzeug, um Wirkung zu erzeugen. Das “Warum” ist enorm motivierend.
- Eure Herkunft ist kein Nachteil, sie ist eure Superkraft. Sie gibt euch Perspektiven, Resilienz und Kreativität, die andere nicht haben. Nutzt sie. Zeigt sie. Baut darauf auf.
Wenn ich eines gelernt habe, dann das: Du wächst nicht, indem du wartest, bis du bereit bist. Du wächst, indem du anfängst.
7. Als Unternehmerin, Wissenschaftlerin und Mentorin tragen Sie Verantwortung auf mehreren Ebenen. Wie halten Sie diese Rollen in Balance?
Als Wissenschaftlerin brauche ich Tiefe, Fokus und Geduld. Als Unternehmerin: Klarheit, Mut und Entscheidungsstärke, und als Mentorin Empathie, Präsenz und die Fähigkeit zuzuhören. Jede dieser Rollen verlangt eine andere Energie von mir, und gleichzeitig bereichern sie sich gegenseitig. Die Balance zu halten ist ein fortlaufender Prozess, der Achtsamkeit, Prioritäten und viel Selbstreflexion erfordert.
Meine Arbeit folgt einem inneren Kompass: dem Wunsch, Wissenschaft mit gesellschaftlichem Nutzen zu verbinden und Frauen, besonders Wissenschaftlerinnen und Frauen mit Migrationsgeschichte, Chancen zu geben. Dieser Sinn gibt mir Orientierung, auch wenn es hektisch wird.
Ich habe außerdem gelernt, dass Balance nicht bedeutet, alles gleichzeitig perfekt zu machen. Balance bedeutet, bewusst zu entscheiden, welche Rolle in welchem Moment Priorität hat. Manchmal braucht mein Unternehmen mich mehr. Manchmal verlangt das Wissenschaftsmanagement volle Konzentration. Und manchmal ist es wichtiger, für eine junge Frau da zu sein, die gerade ihren Weg sucht.
Am Ende ist es genau diese Vielfalt an Rollen, die mich erfüllt. Sie halten mich wach, neugierig und verbunden mit der Wissenschaft, mit der Gesellschaft und mit den Menschen, für die ich arbeite.
8. Inwiefern helfen Netzwerke wie der Europäische Club der Unternehmerinnen, Veränderungen auf systemischer Ebene zu initiieren?
Netzwerke wie der Europäische Club der Unternehmerinnen oder das Monaco Women Forum sind weit mehr als Zusammenschlüsse erfolgreicher Frauen. Sie sind Katalysatoren für systemische Veränderung, weil sie etwas schaffen, das einzelne Frauen allein kaum erreichen können: Sichtbarkeit, Einfluss und kollektive Handlungskraft.
Auf systemischer Ebene wirken solche Netzwerke in mehreren Dimensionen:
- Erstens: Sie verändern Narrative. Wenn erfolgreiche Unternehmerinnen, Wissenschaftlerinnen und Führungskräfte zusammenkommen, entsteht ein neues Bild davon, wie weibliche Führung aussieht. Wir zeigen, dass Frauen nicht nur Teil des Systems sind, sondern es aktiv gestalten. Das verändert Erwartungen in Unternehmen, in der Politik und in der Gesellschaft.
- Zweitens: Sie schaffen Zugang. Viele Frauen scheitern nicht an fehlendem Talent, sondern an fehlenden Türen. Netzwerke öffnen diese Türen: zu Kapital, zu Kooperationen, zu Märkten, zu Entscheidungsträgern. Und Zugang ist einer der stärksten Hebel für systemische Veränderung.
- Drittens: Sie bündeln Stimmen. Eine einzelne Frau kann gehört werden. Ein Netzwerk von Frauen kann nicht überhört werden. Gemeinsam können wir Themen auf die Agenda setzen, die sonst unsichtbar bleiben: Diversität in der Wirtschaft, faire Chancen, Vereinbarkeit, Migration, Bildung. Netzwerke schaffen politischen und gesellschaftlichen Druck konstruktiv, kompetent und nachhaltig.
- Viertens: Sie schaffen Vorbilder und Mentoring-Strukturen. Systeme verändern sich, wenn Menschen sich verändern. Und Menschen verändern sich, wenn sie Vorbilder sehen, die ihnen zeigen, was möglich ist. Netzwerke multiplizieren diese Vorbilder. Sie schaffen Räume, in denen Frauen voneinander lernen, sich gegenseitig stärken und gemeinsam wachsen.
- Fünftens: Sie verbinden wirtschaftliche Macht mit gesellschaftlicher Verantwortung. Der Europäische Club der Unternehmerinnen ist ein gutes Beispiel dafür: Hier treffen wirtschaftliche Kompetenz, unternehmerische Erfahrung und gesellschaftliches Engagement aufeinander. Das ermöglicht Projekte, die nicht nur Unternehmen stärken, sondern auch soziale Innovation fördern.
Für mich persönlich sind solche Netzwerke ein Ort der Inspiration und der Verantwortung. Sie erinnern mich daran, dass Erfolg nicht nur individuell ist, sondern immer auch kollektiv. Gemeinsam können wir Strukturen verändern – nicht nur für uns, sondern auch für die Generationen, die nach uns kommen.
9. Female Empowerment ist das zentrale Thema unseres Onlinemagazins und umso mehr haben wir uns gefreut zu erfahren, dass Sie auch Botschafterin und internationale Speakerin, etwa beim Monaco Women Forum sind. Welche Botschaft möchten Sie insbesondere für junge Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft vermitteln?
Wenn ich heute als Botschafterin und Speakerin unterwegs bin, dann tue ich das nicht nur für mich. Ich tue es für all die jungen Frauen, die sich noch fragen, ob sie „genug“ sind. Ich möchte ihnen sagen: Ihr seid genug. Ihr seid gebraucht. Und die Welt wartet auf eure Ideen.
Euer Weg muss nicht vorgezeichnet sein, um richtig zu sein. Grenzen existieren oft nur in den Köpfen anderer, nicht in unseren eigenen. Ihr dürft groß träumen. Ihr dürft mutig sein. Ihr dürft sichtbar sein. Gerade in der Wissenschaft und in der Wirtschaft wird Frauen oft beigebracht, leise zu sein, perfekt zu sein, dankbar zu sein. Aber Innovation entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Mut, Neugier und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen.
Sucht euch Netzwerke. Sucht euch Verbündete. Sucht euch Frauen, die euch nicht nur inspirieren, sondern auch Türen öffnen. Kein Erfolg ist rein individuell. Wir alle stehen auf den Schultern anderer Frauen, und wir haben die Verantwortung, selbst Schultern zu bieten, auf denen die nächste Generation stehen kann.
10. Was bedeutet es Ihnen persönlich, als Vorbild zu wirken und wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Ich bin nicht nach Europa gekommen, um ein Vorbild zu werden. Ich wollte einfach meinen Weg gehen, studieren, forschen, meinen Platz finden. Aber wenn man Grenzen durchbricht, wird man automatisch sichtbar, und diese Sichtbarkeit gehört einem nicht mehr nur selbst.
Für mich bedeutet Vorbildsein vor allem eines: Mut weiterzugeben. Mut an junge Frauen, die zweifeln, ob sie „genug“ sind. Mut an Frauen mit Migrationsgeschichte, die sich fragen, ob sie hier wirklich dazugehören. Mut an Mädchen, die vielleicht zum ersten Mal sehen, dass jemand mit einem ähnlichen Hintergrund eine Professur, eine Promotion, eine Geschäftsführung erreicht hat.
Ich trage diese Verantwortung bewusst und mit viel Respekt. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, keine Vorbilder zu haben, die so aussehen wie man selbst. Ich weiß, wie es ist, die Erste zu sein – die erste tunesische Frau, die an der Fakultät für Chemie der LMU promoviert hat. Die Frau, die aus Gafsa nach Deutschland ging, während alle zuschauten und sich fragten, ob sie es schafft. Die Monte‑Carlo‑Frau des Jahres 2021. Die Wissenschaftlerin. Die Unternehmerin.
Und genau deshalb nehme ich diese Rolle ernst. Ich möchte nicht perfekt wirken, ich möchte möglich wirken. Ich möchte zeigen, dass Erfolg nicht linear ist, dass Zweifel dazugehören, dass Herkunft kein Hindernis ist, sondern eine Kraftquelle.
Wie gehe ich mit dieser Verantwortung um? Indem ich authentisch bleibe. Indem ich meine Geschichte teile, auch die schwierigen Kapitel. Indem ich Frauen fördere, Türen öffne, Netzwerke stärke. Und indem ich mich immer wieder frage: Welche Frau könnte durch meine Sichtbarkeit ihren eigenen Weg mutiger gehen?
Vorbild zu sein ist kein Titel. Es ist eine Haltung. Und für mich ist es ein Geschenk, weil ich dadurch etwas zurückgeben kann, das ich mir selbst früher so sehr gewünscht hätte: den Glauben, dass alles möglich ist.
Liebe Frau Raddaoui, wir danken Ihnen herzlich für dieses offene und inspirierende Gespräch. Ihre Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie aus einem „Koffer voller Träume“ eine Haltung werden kann, die Wissenschaft, Unternehmertum und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbindet. Sie machen deutlich, dass Leadership nicht nur darin besteht, eigene Ziele zu erreichen, sondern Räume zu öffnen, Brücken zu bauen und andere mitzunehmen.
Ihr Weg steht exemplarisch für eine neue Generation von Female Role Models: mutig, reflektiert, wirksam und tief verwurzelt in dem Wunsch, Veränderung nachhaltig zu gestalten.
Über die Autorin
Kinga Bartczak berät, coacht und schreibt zu Female Empowerment, neuer Arbeitskultur, Organisationsentwicklung systemischen Coaching und Personal Branding.
Zudem ist sie Geschäftsführerin der UnternehmerRebellen GmbH und Herausgeberin des FemalExperts Magazins.









































































































































