Fitness, Disziplin, Geld, Erfolg und Durchsetzungsfähigkeit, das sind weitverbreitete Narrative für Männlichkeit. Dazu kommen ein attraktiver Körper, eine erfolgreiche Karriere und möglichst wenig Selbstzweifel. Auf den ersten Blick klingt vieles von dem, was junge Männer auf TikTok, YouTube oder Instagram von sogenannten Manfluencern (Männliche Influencer, die Inhalte über Männlichkeit, Fitness, Dating, Erfolg oder Status verbreiten.) zu hören bekommen, nicht besonders gefährlich. Im Gegenteil: Sport treiben, Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, Ziele verfolgen und an sich arbeiten sind zunächst einmal keine problematischen Botschaften.
Schwieriger wird es dort, wo diese Ratschläge mit einem bestimmten Weltbild verbunden werden. Wenn aus der Empfehlung, selbstbewusster aufzutreten, irgendwann die Behauptung wird, Männer müssten dominant sein. Wenn aus Datingtipps vermeintlich allgemeingültige Regeln darüber werden, wie „Frauen funktionieren“. Wenn Gleichstellung als Verlustgeschäft für Männer dargestellt wird oder persönliche Enttäuschungen plötzlich mit Feminismus, gesellschaftlichem Wandel oder den vermeintlich überzogenen Ansprüchen von Frauen erklärt werden.
Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Manosphere. Der Begriff beschreibt keine geschlossene Organisation und auch keine einheitliche Ideologie, sondern ein loses digitales Netzwerk aus unterschiedlichen Szenen, Influencern, Foren und Communitys. Dazu gehören unter anderem Incels, Red-Pill-Communitys, Pick-up Artists, Männerrechtsaktivisten und sogenannte MGTOW-Gruppen. Hinzu kommen reichweitenstarke Social-Media-Persönlichkeiten, wie Andrew und Tristan Tate, deren Inhalte sich nicht immer eindeutig einer dieser Szenen zuordnen lassen.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn wer verstehen möchte, warum antifeministische und teilweise offen frauenfeindliche Inhalte gerade bei jüngeren Männern Resonanz finden, sollte nicht ausschließlich auf die radikalsten Aussagen schauen. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, was davor passiert und welches Bedürfnis diese Inhalte möglicherweise ansprechen.
Inhalt
Was ist die Manosphere?

Die Manosphere lässt sich am ehesten als digitales Ökosystem verstehen. Unterschiedliche Gruppen vertreten unterschiedliche Vorstellungen davon, was Männer angeblich verlieren, was Frauen vermeintlich gewinnen und wie Geschlechter miteinander umgehen sollten. Nicht jede dieser Szenen ist gleichermaßen radikal und nicht jeder Mann, der entsprechende Inhalte konsumiert, teilt automatisch frauenfeindliche oder extremistische Überzeugungen.
Differenzierung ist in diesem Bereich unheimlich wichtig. Männerprobleme zu thematisieren ist nicht antifeministisch. Über Einsamkeit, psychische Gesundheit, Schwierigkeiten im Bildungssystem, Vaterschaft, beruflichen Leistungsdruck oder gesellschaftliche Erwartungen an Männer zu sprechen, ist notwendig. Wir tun das in unseren Workshops regelmäßig und schaffen zusammen mit den Teilnehmenden Kontext sowie einen offenen Diskussionsrahmen. Problematisch wird es dort, wo diese Themen genutzt werden, um Frauen oder Gleichstellung zum gemeinsamen Gegner zu erklären.
Die Freie Universität Berlin und das Institute for Strategic Dialogue untersuchen fortlaufend die deutschsprachige Manosphere und konnten in der Pilotstudie – Mapping the GerManosphere aufzeigen, wie unterschiedlich die beteiligten Milieus sein können. Incels beschäftigen sich stark mit romantischer und sexueller Zurückweisung, während Pick-up-Communitys Beziehungen häufig als strategisches Spiel betrachten. Andere Akteure richten ihre Kommunikation stärker gegen Feminismus oder Gleichstellungspolitik. Gemeinsam sind vielen Bereichen jedoch starre Vorstellungen von Geschlecht und die Annahme, zwischen den Interessen von Männern und Frauen bestehe ein grundlegender Konflikt.
Von Incels, Red Pill und Manfluencern
Besonders bekannt geworden sind in den vergangenen Jahren sogenannte Incels, kurz für „involuntary celibates“. Ursprünglich beschreibt der Begriff unfreiwillige sexuelle oder romantische Enthaltsamkeit. Innerhalb bestimmter Onlinecommunitys ist daraus jedoch ein eigenes Weltbild entstanden. Beziehungen werden dort teilweise anhand vermeintlich objektiver Hierarchien von Attraktivität erklärt. Frauen erscheinen nicht mehr als Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, sondern als homogene Gruppe, die angeblich vor allem besonders attraktive oder gesellschaftlich erfolgreiche Männer auswähle.
Die Red-Pill-Ideologie funktioniert ähnlich vereinfachend. Der Begriff lehnt sich an den Film „The Matrix“ an: Wer die rote Pille nehme, erkenne eine Wahrheit, die anderen verborgen bleibe. In der Manosphere besteht diese vermeintliche Wahrheit häufig darin, dass traditionelle Geschlechterverhältnisse natürlicher seien und der Feminismus Männer um gesellschaftliche Macht, Beziehungen oder Anerkennung gebracht habe.

Neben solchen Communitys spielen inzwischen Influencer eine immer größere Rolle. Die Digitale Schule Hessen weist darauf hin, dass Jugendliche in sozialen Medien regelmäßig auf stark vereinfachte Geschlechterrollen treffen. Manche männlichen Influencer verbinden Selbstoptimierung mit Vorstellungen davon, wie ein erfolgreicher Mann auszusehen habe, wie viel Geld er verdienen müsse, welche Rolle er in Beziehungen einnehmen solle und wie er mit Emotionen umzugehen habe.
Genau hier liegt ein entscheidender Unterschied zu früheren antifeministischen Onlineforen: Die Manosphere ist heute nicht mehr ausschließlich dort zu finden, wo Menschen bewusst nach ihr suchen. Teile ihrer Botschaften sind in Unterhaltung, Lifestyle, Fitness und Motivationscontent eingebettet.
Warum solche Inhalte attraktiv wirken können
Die einfachste Erklärung wäre, dass junge Männer frauenfeindliche Inhalte konsumieren, weil sie frauenfeindlich sind. Sie erklärt allerdings wenig.
Interessanter ist die Frage, weshalb ein Video über Erfolg, Dating oder Fitness überhaupt so viel Aufmerksamkeit erhält. Denn viele dieser Inhalte versprechen etwas, wonach Menschen gerade in unsicheren Lebensphasen suchen: Orientierung.
Jugendliche und junge Erwachsene müssen herausfinden, wer sie sein wollen, wie Beziehungen funktionieren, welche Erwartungen andere an sie haben und woran sie ihren eigenen Wert messen möchten. Auf diese Fragen liefert Social Media permanent vermeintlich einfache Antworten. Die hessische Fachstelle für digitale Bildung betont deshalb zu Recht, dass digitale Rollenbilder Einfluss auf Identitätsprozesse haben können.
Für junge Männer können dabei sehr konkrete Unsicherheiten eine Rolle spielen. Wie gehe ich mit Zurückweisung um? Wie attraktiv muss ich sein? Wie wichtig ist Geld? Muss ich souverän wirken, auch wenn ich mich nicht souverän fühle? Was bedeutet Stärke? Welche Erwartungen werden heute überhaupt an Männer gestellt?
Wer auf solche Fragen keine überzeugenden Antworten im eigenen Umfeld findet, wird online sehr schnell Menschen entdecken, die behaupten, sie beantworten zu können.
Der Männerforscher Markus Theunert beschreibt in seiner Kolumne für ZDFheute und Terra X genau diese Dynamik. Viele Manfluencer beginnen mit Themen, die zunächst plausibel und attraktiv wirken: Verantwortung übernehmen, Sport machen, sich Ziele setzen oder finanziell unabhängig werden. Das eigentliche Problem entsteht nicht durch jeden dieser Ratschläge, sondern durch die antifeministische Haltung, die damit in einzelnen Fällen einhergeht.
Hier sollten wir genauer unterscheiden. Einsamkeit ist real. Leistungsdruck ist real. Psychische Belastungen von Männern sind real. Unsicherheiten beim Dating sind real. Auch das Gefühl, zwischen alten und neuen Vorstellungen von Männlichkeit keine klare eigene Position zu finden, sollte nicht lächerlich gemacht werden.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie werden diese Probleme erklärt?
Reale Probleme bekommen plötzlich einen einfachen Schuldigen
Antifeministische Narrative bieten häufig eine sehr einfache Antwort auf komplexe Erfahrungen. Persönliche Unsicherheit wird dadurch politisch und gesellschaftlich umgedeutet.
Wenn ein Mann Schwierigkeiten beim Dating hat, lautet die Erklärung möglicherweise nicht mehr, dass Beziehungen kompliziert sind und Zurückweisung zum Leben gehört. Stattdessen heißt es, Frauen hätten heute unrealistische Ansprüche. Wenn ein Mann beruflich unter Druck steht, wird daraus die Behauptung, Männer würden durch Gleichstellung zunehmend benachteiligt. Wenn gesellschaftliche Erwartungen an Männlichkeit widersprüchlich erscheinen, wird nicht über diese Widersprüche gesprochen, sondern der Feminismus dafür verantwortlich gemacht.
Gerade darin liegt die Anziehungskraft solcher Weltbilder. Komplexe Situationen werden übersichtlich. Persönliche Frustration bekommt eine Erklärung und häufig zugleich einen klaren Gegner.
Der Medienkompetenzrahmen NRW beschreibt, wie sich auf Plattformen, wie TikTok oder Instagram starre Vorstellungen über Männer, Frauen, Beziehungen und Macht verbreiten können. Dabei ist nicht jede Person, die mit entsprechenden Inhalten in Kontakt kommt, automatisch radikalisiert. Aber bestimmte Narrative können normaler und vertrauter erscheinen, wenn sie immer wieder in ähnlicher Form auftauchen.
Genau deshalb sollten wir den Begriff Radikalisierung vorsichtig verwenden. Es gibt nicht den einen Weg von einem Fitnessvideo zu extremistischen Überzeugungen. Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, soziale Beziehungen und politische Einstellungen mit. Dennoch können digitale Räume bestehende Unsicherheiten verstärken und bestimmte Erklärungsmuster attraktiver machen.
Welche Rolle TikTok, YouTube, Telegram-Gruppen und Algorithmen spielen

Social-Media-Plattformen sind dabei mehr als neutrale Schaufenster. Ihre Empfehlungssysteme entscheiden mit darüber, welche Inhalte Nutzerinnen und Nutzer sehen und wie schnell ähnliche Inhalte nachgeliefert werden.
Eine Untersuchung der Dublin City University aus dem Jahr 2024 analysierte experimentell Empfehlungen auf TikTok und YouTube Shorts (Quelle: New research shows how TikTok and YouTube Shorts are bombarding users with misogynist content). Bei männlich gekennzeichneten Testaccounts tauchten bereits innerhalb kurzer Zeit Inhalte auf, die die Forschenden als maskulinistisch, antifeministisch oder anderweitig toxisch einordneten. Zeigten Accounts Interesse daran, nahm der Anteil entsprechender Empfehlungen weiter zu.
Solche Studien sollten trotzdem nicht verkürzt mit dem Satz zusammengefasst werden, „der Algorithmus radikalisiere junge Männer“. Dafür ist menschliches Verhalten zu komplex. Ein Algorithmus kann Inhalte verstärken, aber er erklärt nicht allein, warum ein bestimmter Mensch sie glaubt, weiterverbreitet oder Teil einer Community wird.
Trotzdem ist der Mechanismus relevant. Wer einmal auf ein Video klickt, muss nicht aktiv nach zehn ähnlichen Videos suchen. Die Plattform übernimmt diese Arbeit.
Dadurch können bestimmte Perspektiven schnell überrepräsentiert wirken. Wenn der Feed immer wieder vermittelt, Beziehungen zwischen Frauen und Männern seien grundsätzlich konflikthaft, Feminismus bedrohe Männer und beruflicher oder romantischer Erfolg hänge von Dominanz ab, kann daraus der Eindruck entstehen, diese Sichtweise sei gesellschaftlich viel verbreiteter, als sie tatsächlich ist.
Wenn aus Selbstoptimierung ein enges Männerbild wird
Besonders problematisch ist deshalb nicht Selbstoptimierung an sich. Es ist die Vorstellung, dass es nur eine richtige Art gebe, ein Mann zu sein.
Männlichkeit wird in der gesellschaftlichen Wahrnehmung oft gleichgesetzt mit: Erfolg, Stärke, sexuelles Begehren, finanzielle Unabhängigkeit, körperliche Fitness, emotionale Kontrolle, Durchsetzungsfähigkeit und ich könnte ewig so weitermachen.
Wer diese Erwartungen nicht erfüllt, erscheint in manchen Bereichen der Manosphere schnell als schwach oder minderwertig. Gleichzeitig werden Männer aufgefordert, gesellschaftliche Anerkennung genau über jene Eigenschaften zu suchen, unter deren Druck viele ohnehin leiden.
Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch. Einerseits versprechen Manfluencer, wie Andrew Tate, Sneako & Hamza Ahmed, Cecil Egwuatu oder Luke Belmar, Männern Freiheit von vermeintlich gesellschaftlichen Zwängen. Andererseits ersetzen sie diese häufig durch ein extrem enges Regelwerk darüber, wie Männlichkeit auszusehen hat.
Der Deutschlandfunk Kultur verweist in seiner Auseinandersetzung mit der Manosphere ebenfalls auf die Verbindung zwischen antifeministischen Narrativen und bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, Männlichkeit selbst zum Problem zu erklären. Problematisch sind vielmehr Vorstellungen, nach denen Männer ihren Wert nur über Dominanz, Status oder Abgrenzung herstellen können.
Diese Rollenbilder können auch für Männer selbst belastend sein. Wer glaubt, immer souverän wirken zu müssen, bittet möglicherweise später um Hilfe. Wer beruflichen Status eng mit dem eigenen Selbstwert verbindet, erlebt Misserfolge schnell als persönliche Niederlage. Wer Gefühle möglichst wenig zeigen möchte, kann Schwierigkeiten haben, Nähe und Vertrauen aufzubauen.
Damit wird sichtbar, weshalb die Auseinandersetzung mit der Manosphere mehr sein muss als eine Debatte über Frauenfeindlichkeit. Es geht auch darum, welche Vorstellungen von Mannsein wir gesellschaftlich attraktiv machen.
Wie kommt man aus der Manosphere heraus?
Bei dieser Frage ist Vorsicht angebracht, weil es die eine Manosphere ebenso wenig gibt wie den einen Ausstieg. Jemand, der gelegentlich problematische TikTok-Videos konsumiert, befindet sich in einer völlig anderen Situation als eine Person, deren gesamtes soziales Umfeld inzwischen aus radikalisierten Onlinecommunitys besteht. Entsprechend unterschiedlich müssen Gespräche und Interventionen aussehen.
Was allerdings selten besonders hilfreich ist, ist öffentliche Beschämung. Wer einen Jugendlichen oder Kollegen mit „Du bist doch komplett auf diese Incels hereingefallen“ konfrontiert, wird möglicherweise eine klare Grenze ziehen, aber nicht zwangsläufig ein Gespräch eröffnen.
Gerade bei Menschen, die noch nicht fest in entsprechenden Szenen verankert sind, kann es sinnvoller sein, nachzufragen. Woher kommt diese Überzeugung? Was davon entspricht tatsächlich der eigenen Erfahrung? Welche anderen Erklärungen könnte es geben? Welche Interessen hat der Influencer, der diese Botschaft verbreitet?
Solche Fragen relativieren frauenfeindliche Aussagen nicht. Eine klare Grenze ist notwendig, wenn Menschen abgewertet, bedroht oder Gewalt legitimiert wird. Aber zwischen Zustimmung und maximaler Konfrontation existiert ein großer Bereich, in dem Lernen möglich ist.
Zugehörigkeit ist Teil des Problems und damit auch Teil der Lösung
Besonders wichtig wird das dort, wo eine Community längst mehr bietet als politische Aussagen. Sie bietet Kontakte, Anerkennung, Humor, gemeinsame Begriffe, vertraute Rituale und den Austausch zwischen Menschen, die scheinbar dieselben Erfahrungen gemacht haben.
Wer jemandem sagt, er solle diese Community verlassen, fordert deshalb möglicherweise nicht nur eine Meinungsänderung. Er verlangt, dass ein soziales Umfeld aufgegeben wird.
Genau deshalb sind alternative Beziehungen so wichtig. Familien, Freundinnen, Pädagoginnen, Kolleg*innen und Beratungsangebote können nicht jede ideologische Überzeugung unmittelbar verändern. Sie können aber verhindern, dass die problematische Community zum einzigen Ort wird, an dem sich ein Mensch ernst genommen fühlt.
Professionelle Männerarbeit setzt an diesem Punkt häufig nicht mit moralischer Verurteilung an, sondern mit der Frage, welche Erwartungen und Erfahrungen Männer überhaupt mitbringen. Das Bundesforum Männer und der Schweizer Dachverband männer.ch beschäftigen sich beispielsweise seit Jahren mit geschlechterreflektierter Männerarbeit, Vaterschaft, Gesundheit, Rollenbildern und Gleichstellung.
Das bedeutet nicht, frauenfeindliche Einstellungen zu akzeptieren. Es bedeutet, Menschen auch dann noch anzusprechen, wenn ihre Aussagen schwierig sind.
Medienkompetenz muss auch Influencerkompetenz sein
Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Bereich: Medienkompetenz.
Jugendliche wissen inzwischen meistens, dass im Internet nicht alles stimmt. Das reicht allerdings nicht mehr.
Entscheidend ist auch zu verstehen, wie Influencer funktionieren. Warum erzeugt eine bestimmte Aussage Aufmerksamkeit? Womit verdient die Person Geld? Verkauft sie am Ende ein Coaching, ein Buch, ein Investmentprodukt oder den Zugang zu einer kostenpflichtigen Community? Warum funktionieren Wut, Empörung und Feindbilder so gut auf Plattformen?
Medienkompetenz sollte deshalb nicht nur überprüfen, ob eine Aussage wahr oder falsch ist. Sie sollte auch fragen, warum diese Aussage gerade jetzt in meinem Feed erscheint und welches Geschäftsmodell dahintersteht.
Es reicht nicht, problematische Männlichkeit zu kritisieren

Vielleicht liegt hier einer der wichtigsten Punkte der gesamten Debatte. Wenn wir einem 16-jährigen Jungen ausführlich erklären, warum ein bestimmter Manfluencer problematisch ist, wissen wir anschließend immer noch nicht, an wem er sich stattdessen orientieren kann.
Wenn wir sagen, Männer müssten sich von traditionellen Rollenbildern lösen, beantworten wir noch nicht die Frage, wie ein alternatives Modell aussehen könnte.
Die öffentliche Debatte ist sehr gut darin geworden, problematische Männlichkeit zu benennen. Das ist wichtig. Gleichzeitig sprechen wir erstaunlich selten darüber, welche Eigenschaften wir stattdessen fördern möchten.
- Ein Mann kann fürsorglich sein und ambitioniert.
- Er kann selbstbewusst sein, ohne andere kleinzumachen.
- Er kann erfolgreich sein, ohne Status zum Maßstab menschlichen Wertes zu erklären.
- Er kann Vater sein und Verantwortung für Care-Arbeit übernehmen.
- Er kann sich verletzlich zeigen, ohne deshalb schwach zu sein.
- Und er kann einer erfolgreichen Frau begegnen, ohne ihren Erfolg als persönlichen Statusverlust zu erleben.
Das klingt selbstverständlich. Für jemanden, der täglich das Gegenteil hört, ist es das nicht unbedingt.
Male Allyship als möglicher Gegenentwurf
Genau an diesem Punkt wird Male Allyship interessant. Nicht als Aussteigerprogramm und auch nicht als moralisches Gütesiegel für Männer, die sich selbst für besonders progressiv halten. Male Allyship beschreibt zunächst die Bereitschaft, Gleichstellung nicht ausschließlich denjenigen zu überlassen, die von Ungleichheit betroffen sind.
Ein Male Ally hört zu, reflektiert die eigene Rolle und handelt dort, wo er Einfluss besitzt. Im Unternehmen kann das bedeuten, sexistisches Verhalten anzusprechen, Kolleginnen in Entscheidungsprozessen sichtbar zu machen, informelle Netzwerke zu öffnen oder bei Beförderungen genauer hinzusehen. Im privaten Umfeld kann es bedeuten, Care-Arbeit selbstverständlich zu teilen oder einem Freund zu widersprechen, wenn dieser Frauen pauschal abwertet.
Programme, wie HeForShe von UN Women oder MARC von Catalyst arbeiten seit Jahren mit der Idee, Männer nicht ausschließlich als Zuschauer von Gleichstellung zu betrachten, sondern als aktive Beteiligte.
Die interessanteste Frage ist aus meiner Sicht allerdings eine andere: Was bietet Male Allyship eigentlich Männern selbst?
Gleichstellung ist kein Nullsummenspiel
Ein grundlegendes Narrativ antifeministischer Kommunikation lautet, dass mehr Gleichstellung automatisch weniger Möglichkeiten für Männer bedeute. Wenn Frauen beruflich aufsteigen, verlieren Männer Positionen. Wenn Unternehmen Frauen fördern, würden Männer benachteiligt. Wenn über Sexismus gesprochen wird, dürften Männer angeblich nichts mehr sagen. Dieses Denken macht gesellschaftlichen Fortschritt zu einem Nullsummenspiel.
Geschlechterreflektierte Männerarbeit versucht deshalb zunehmend, eine andere Perspektive sichtbar zu machen. In einer gemeinsamen Erklärung von Bundesforum Männer, männer.ch und weiteren Organisationen wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Gleichstellung nicht bedeuten muss, dass Männer verlieren, was Frauen gewinnen.
Auch Männer können von flexibleren Rollenbildern profitieren. Wenn Fürsorge nicht mehr weiblich codiert ist, können Männer Vaterschaft anders leben. Wenn Verletzlichkeit nicht automatisch als Schwäche gilt, fällt es leichter, Unterstützung zu suchen. Wenn beruflicher Status weniger eng mit männlicher Identität verbunden ist, entstehen neue Möglichkeiten, Erfolg zu definieren.
Gleichstellung bedeutet deshalb nicht, Männern ihre Identität zu nehmen. Sie kann vielmehr dazu beitragen, dass Männer weniger Energie darauf verwenden müssen, permanent zu beweisen, dass sie einem bestimmten Ideal von Männlichkeit entsprechen.
Das ist ein deutlich konstruktiveres Angebot als die Botschaft, Männer müssten ihre gesellschaftliche Stellung gegen Frauen verteidigen.
Male Allyship muss im Alltag sichtbar werden

Dabei reicht es nicht, wenn männliche Führungskräfte sagen, sie seien für Gleichberechtigung. Interessant wird Allyship in konkreten Situationen:
- Wenn die Idee einer Kollegin im Meeting übergangen wird und ein Kollege später darauf zurückkommt, kann jemand sagen: „Das knüpft an den Punkt an, den sie gerade eingebracht hat.“
- Wenn bei einer Beförderungsentscheidung über die vermeintlich geringere Flexibilität einer Mutter gesprochen wird, kann jemand nachfragen, ob dieselbe Frage bei Vätern gestellt wird.
- Wenn ein sexistischer Witz fällt, braucht es keinen fünfminütigen Vortrag. Eine ruhige Nachfrage wie: „Wie meinst du das eigentlich?“ kann ausreichen, um sichtbar zu machen, dass die Aussage nicht selbstverständlich akzeptiert wird.
Genau diese kleinen Situationen entscheiden darüber, ob Gleichstellung im Unternehmen eine abstrakte Strategie bleibt oder Teil der tatsächlichen Kultur wird.
Eine Untersuchung von Catalyst zu Sexismus am Arbeitsplatz zeigt, dass Männer eher eingreifen, wenn sie sich verantwortlich fühlen, sich eine Intervention zutrauen und davon überzeugt sind, dass ihr Handeln etwas bewirken kann. Gleichzeitig spielt die Organisationskultur eine wichtige Rolle. Wer damit rechnen muss, für Widerspruch Nachteile zu erfahren, schweigt eher.
Das bedeutet für Unternehmen: Handlungssicherheit muss trainiert werden. „Zeigt Haltung“ ist kein ausreichendes Konzept, wenn niemand weiß, was er im entscheidenden Moment sagen kann.
Welche Rolle Unternehmen und Organisationen dabei spielen
Die Diskussion über die Manosphere wirkt zunächst weit entfernt von Personalentwicklung, Führung oder Organisationskultur. Tatsächlich begegnen sich beide Themen schneller, als man vermuten würde.
Menschen legen ihre Vorstellungen über Geschlecht nicht morgens am Unternehmenseingang ab. Sie bringen sie mit in Meetings, Bewerbungsgespräche, Teamkommunikation und Führungsentscheidungen.
Wer überzeugt ist, Gleichstellung benachteilige Männer, wird wahrscheinlich auch ein internes Female-Leadership-Programm anders bewerten. Wer Geschlechterbeziehungen grundsätzlich als Wettbewerb betrachtet, reagiert auf Frauenförderung möglicherweise defensiver. Und wer gelernt hat, dass Durchsetzungsfähigkeit möglichst dominant aussehen muss, bringt dieses Führungsverständnis unter Umständen auch in den beruflichen Alltag ein.
Organisationen sollten deshalb nicht erst reagieren, wenn offen frauenfeindliche Aussagen auftreten. Sie können viel früher ansetzen.
Männernetzwerke sind der entscheidende Faktor
Viele größere Organisationen haben inzwischen Frauennetzwerke aufgebaut. Sie schaffen Räume für Austausch, Karriereentwicklung und gegenseitige Unterstützung. Deutlich seltener gibt es interne Formate, in denen Männer sich systematisch mit der eigenen Geschlechterrolle auseinandersetzen.
Dabei gäbe es genügend Themen, die unmittelbar an den Arbeitsalltag anschließen: Vaterschaft, Mental Load, Karriere, Gesundheit, Leistungsdruck, Führung, Konflikte, partnerschaftliche Arbeitsteilung oder die Frage, wie Männer reagieren können, wenn andere Männer sexistische Aussagen treffen.
Ein solches Netzwerk sollte ausdrücklich kein Gegenstück zu Frauennetzwerken nach dem Motto „Dann brauchen Männer aber auch etwas“ sein. Genau das würde wieder in die Nullsummenlogik zurückführen.
Es könnte stattdessen ein Ort sein, an dem Männer gemeinsam reflektieren, wie Geschlechterrollen auch ihr eigenes Verhalten und ihre eigenen Entscheidungen beeinflussen.
Das Bundesforum Männer zeigt mit seiner gleichstellungsorientierten Jungen-, Männer- und Väterarbeit, dass sich Männerinteressen und Gleichstellung nicht ausschließen müssen. Besonders relevant für das Thema Manosphere ist, dass der Verband sich inzwischen auch intensiv mit Antifeminismus, Radikalisierung und Männlichkeitsbildern auseinandersetzt.
Was gute Male-Allyship-Trainings leisten sollten
Auch Trainings können an dieser Stelle helfen, sofern sie mehr leisten als eine Einführung in Definitionen und Privilegien.
In unseren Trainings erleben wir regelmäßig, dass Teilnehmende weniger Schwierigkeiten damit haben, Gleichstellung grundsätzlich zu unterstützen. Unsicherheit entsteht häufiger in der konkreten Situation.
- Was sage ich, wenn mein Vorgesetzter die problematische Aussage macht?
- Wie unterstütze ich eine Kollegin, ohne ihr ungefragt die Stimme abzunehmen?
- Wie widerspreche ich einem dienstälteren Kollegen?
- Wie reagiere ich darauf, wenn jemand behauptet, Männer würden heute systematisch benachteiligt?
- Wie spreche ich über Privilegien, ohne jedes Gespräch sofort in Verteidigung und Schuld zu verwandeln?
Genau solche Situationen sollten geübt werden. Denn Handlungssicherheit entsteht nicht allein durch Wissen, sondern dadurch, dass Menschen verschiedene Reaktionsmöglichkeiten kennenlernen und ausprobieren können.
Was Unternehmen daraus lernen können
Der vielleicht wichtigste Lernpunkt besteht darin, Männer nicht erst dann anzusprechen, wenn sie als Problem wahrgenommen werden.
Wer ausschließlich über Männer spricht, wenn es um Sexismus, Dominanz oder Gewalt geht, darf sich nicht wundern, wenn Gleichstellungsarbeit bei manchen als Vorwurf wahrgenommen wird. Das bedeutet nicht, problematisches Verhalten weniger klar zu benennen. Es bedeutet lediglich, Männer auch als mögliche Akteure von Veränderung anzusprechen.
Unternehmen können beispielsweise schon bei Nachwuchskräften Räume schaffen, in denen über Führung und Zusammenarbeit gesprochen wird. Sie können männliche Führungskräfte stärker in Gleichstellungsarbeit einbeziehen und gleichzeitig deutlich machen, dass Allyship mehr bedeutet als sichtbare Unterstützung bei Veranstaltungen. Sie können Bystander Intervention (Zivilcourage) trainieren und Männern konkrete Möglichkeiten geben, auf Sexismus zu reagieren.
Mindestens genauso wichtig ist allerdings die Kommunikation. Wenn Gleichstellung ausschließlich als Korrektur männlichen Fehlverhaltens vermittelt wird, entsteht schnell Abwehr. Wird sie hingegen als gemeinsame Auseinandersetzung mit Arbeitsbedingungen, Führung, Care-Arbeit, Karrierechancen und respektvoller Zusammenarbeit verstanden, eröffnet sich ein anderer Zugang.
Das bedeutet nicht, Ungleichheit unsichtbar zu machen oder Machtfragen zu vermeiden. Im Gegenteil. Erst wenn Menschen nicht damit beschäftigt sind, ihre eigene moralische Integrität zu verteidigen, wird häufig ein ernsthafteres Gespräch über Strukturen möglich.
Organisationen für positive Männlichkeit und Male Allyship

Es gibt inzwischen einige Organisationen, deren Arbeit zeigt, dass Männer aktiv in Gleichstellung einbezogen werden können, ohne ihre eigenen Themen zu ignorieren.
Das Bundesforum Männer arbeitet in Deutschland zu Jungen-, Männer- und Väterpolitik und verbindet diese Arbeit ausdrücklich mit einer gleichstellungsorientierten Perspektive. Der Verband beschäftigt sich unter anderem mit Gesundheit, Care-Arbeit, Vaterschaft, Gewaltprävention und Antifeminismus.
Der Schweizer Dachverband männer.ch verfolgt einen ähnlichen Ansatz und arbeitet seit Jahren an geschlechterreflektierter Männerarbeit. Besonders interessant ist, dass hier nicht nur darüber gesprochen wird, was Männer gesellschaftlich beitragen sollen, sondern auch darüber, welche eigenen Belastungen und Rollenerwartungen sie mitbringen.
International arbeitet die MenEngage Alliance daran, Männer und Jungen stärker in Geschlechtergerechtigkeit einzubeziehen. Die Organisation betont gleichzeitig, dass Männerarbeit nicht dadurch automatisch progressiv wird, dass Männer über ihre Probleme sprechen. Wirklich gendertransformative Ansätze müssen auch Machtverhältnisse und strukturelle Ungleichheiten berücksichtigen.
Equimundo verbindet Forschung zu Männlichkeitsbildern mit Programmen zu Care-Arbeit, Gewaltprävention und Geschlechtergerechtigkeit. Besonders spannend ist dabei der Versuch, positive Vorstellungen von Männlichkeit auch dort sichtbarer zu machen, wo problematische Bilder heute besonders präsent sind: in digitalen Räumen.
Mit MARC hat Catalyst wiederum einen Ansatz entwickelt, der sich explizit an Organisationen richtet. Male Allyship wird dort nicht als einmalige Sensibilisierung verstanden, sondern als Prozess, in dem Menschen lernen, eigene Handlungsspielräume zu erkennen und Verantwortung für inklusive Arbeitskulturen zu übernehmen.
Auch White Ribbon arbeitet seit Jahrzehnten mit Männern und Jungen zu Gewaltprävention, gesunden Beziehungen und alternativen Männlichkeitsbildern. Die Organisation zeigt besonders deutlich, dass Prävention, Organisationsentwicklung und konkrete Handlungskompetenz zusammengehören.
Was wir der Manosphere tatsächlich entgegensetzen können
Vielleicht müssen wir deshalb bei der Auseinandersetzung mit der Manosphere an einem anderen Punkt beginnen: Es reicht nicht, auf frauenfeindliche Influencer zu zeigen und jungen Männern zu erklären, welchen Personen sie besser nicht folgen sollten. Natürlich braucht es Aufklärung über Antifeminismus, Misogynie und Radikalisierungsdynamiken. Aber eine reine Gegenargumentation beantwortet nicht die Fragen, die viele dieser Inhalte überhaupt attraktiv machen.
Wenn ein junger Mann Orientierung sucht, braucht er glaubwürdige Personen, die über Männlichkeit sprechen können, ohne sie auf Dominanz und Status zu reduzieren. Wenn er einsam ist, hilft ihm nicht allein die Information, dass bestimmte Onlinecommunitys problematisch sind. Wenn er unter Leistungsdruck steht, braucht er Räume, in denen Scheitern, Unsicherheit und Überforderung nicht automatisch als Schwäche gelten. Und wenn er Schwierigkeiten mit gesellschaftlichen Veränderungen hat, sollte jemand mit ihm darüber sprechen können, ohne jede Irritation sofort als politische Rückständigkeit abzutun. Hier liegt eine große Aufgabe für Familien, Bildungseinrichtungen, Medien und auch Unternehmen.
Wir sollten Probleme von Männern nicht deshalb ignorieren, weil antifeministische Akteure sie instrumentalisieren. Im Gegenteil: Gerade weil diese Akteure reale Unsicherheiten aufgreifen und ideologisch umdeuten, müssen demokratische und gleichstellungsorientierte Institutionen bessere Antworten anbieten.
Ein Gegenentwurf zur Manosphere

Es geht nicht darum, Männern eine neue Definition von „richtiger Männlichkeit“ vorzuschreiben. Vielleicht wäre genau das erneut zu eng. Viel hilfreicher wäre eine größere Freiheit darin, was Mannsein überhaupt bedeuten kann.
Ein Mann kann ehrgeizig sein und gleichzeitig fürsorglich. Er kann körperlich stark sein und über Ängste sprechen. Er kann sich beruflichen Erfolg wünschen, ohne den Erfolg einer Kollegin als Konkurrenz zu erleben. Er kann selbstbewusst auftreten und trotzdem zugeben, wenn er sich geirrt hat. Und er kann Gleichstellung unterstützen, ohne dadurch weniger männlich zu werden.
Male Allyship kann in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag leisten, weil es Männern eine aktive Rolle anbietet. Nicht als Retter von Frauen und nicht als moralisch besonders aufgeklärte Gruppe, sondern als Menschen, die Verantwortung für das Umfeld übernehmen, das sie mitgestalten.
Die Manosphere verspricht Männern häufig Klarheit, indem sie die Welt kleiner macht. Sie teilt Menschen in Gewinner und Verlierer, starke und schwache Männer, begehrenswerte und weniger begehrenswerte Menschen, Feministen und vermeintliche Realisten. Eine gleichstellungsorientierte Antwort sollte genau das Gegenteil tun. Sie sollte die Welt wieder größer machen.
Fazit: Männer brauchen keine neuen Regeln dafür, wie sie Männer sein müssen
Die Manosphere ist nicht allein deshalb erfolgreich, weil ihre Akteure besonders überzeugende politische Argumente besitzen. Ein Teil ihrer Attraktivität entsteht daraus, dass sie Themen anspricht, die in anderen gesellschaftlichen Debatten manchmal erstaunlich wenig Raum bekommen: Unsicherheit, Zurückweisung, Einsamkeit, Status, Identität und die Frage, was es heute überhaupt bedeutet, ein Mann zu sein.
Das entschuldigt weder Antifeminismus noch Frauenfeindlichkeit. Es erklärt aber, weshalb eine reine Kritik an problematischen Aussagen nicht ausreichen wird.
Wir brauchen Aufklärung über digitale Mechanismen und Plattformen. Wir brauchen professionelle Präventionsarbeit, wenn sich Einstellungen radikalisieren. Wir brauchen klare Grenzen gegenüber Sexismus und Menschenfeindlichkeit. Gleichzeitig brauchen wir Räume, in denen Jungen und Männer über ihre eigenen Erfahrungen sprechen können, ohne dass daraus automatisch ein Gegeneinander der Geschlechter entsteht.
Male Allyship kann dabei ein Teil der Antwort sein. Vor allem dann, wenn es nicht als Pflichtprogramm verstanden wird, sondern als Einladung, die eigene Rolle bewusster zu gestalten.
Denn Gleichstellung bedeutet nicht, Männern vorzuschreiben, wie sie künftig zu sein haben. Im besten Fall bedeutet sie genau das Gegenteil: weniger starre Regeln darüber, wie Männer und Frauen sein müssen und mehr Freiheit darin, wie Menschen leben, führen, arbeiten und miteinander umgehen wollen.
Vielleicht liegt gerade darin die überzeugendste Antwort auf die Manosphere.
Begriffe, die man rund um die Manosphere kennen sollte
Ab hier kannst du selbst entscheiden, wie viel du dich darüberhinaus mit der Manosphere und deren Begrifflichkeiten beschäftigen möchtest. Ein Blick auf die weiteren, aufgeführten Netzwerke und Verbände, die gleichstellungsorientiert arbeiten, lohnt sich auf jeden Fall.
| Begriff | Erklärung |
|---|---|
| Red Pill / redpilled | Die Metapher stammt aus The Matrix. Innerhalb der Manosphere bedeutet die „rote Pille“ vermeintlich zu erkennen, wie Geschlechterbeziehungen „wirklich“ funktionieren. Dahinter steht häufig die Vorstellung, Männer würden gesellschaftlich benachteiligt und Feminismus verschleiere diese Realität. (Quelle: Hegemonic masculinities in the ‘Manosphere’) |
| Blue Pill / bluepilled | Gegenbegriff zur Red Pill. Als „bluepilled“ werden Menschen bezeichnet, die aus Sicht der Szene weiterhin an gesellschaftliche oder feministische „Illusionen“ glauben und die angebliche Wahrheit über Männer und Frauen noch nicht erkannt hätten. (Quelle: Hegemonic masculinities in the ‘Manosphere’) |
| Incel | Abkürzung für „involuntary celibate“, also unfreiwillig sexuell bzw. romantisch enthaltsam. Der Begriff bezeichnet heute auch spezifische Onlinecommunitys, in denen Zurückweisung teilweise mit misogynen, deterministischen oder extremistischen Weltbildern erklärt wird. |
| Alpha Male | Vorstellung eines dominanten, statushohen und sexuell erfolgreichen Mannes, der innerhalb einer vermeintlichen männlichen Hierarchie an der Spitze steht. Die wissenschaftliche Forschung zur Manosphere beschreibt diese Hierarchisierung als wichtigen Bestandteil von Red-Pill-Diskursen. (Quelle: Hegemonic masculinities in the ‘Manosphere’) |
| Hypergamy / Hypergamie | Eigentlich ein sozialwissenschaftlicher Begriff für Partnerschaften „nach oben“ hinsichtlich sozialem Status. Innerhalb von Red-Pill- und Incel-Ideologien wird daraus häufig die pauschale Behauptung, Frauen würden grundsätzlich Männer mit höherem Status, größerem Vermögen oder besserem Aussehen bevorzugen. (Quelle: ADL: Incels (Involuntary celibates)) |
| Looksmaxxing | Möglichst starke Optimierung des eigenen Aussehens, etwa durch Fitness, Styling oder kosmetische Eingriffe. Selbst Körperpflege oder Sport sind selbstverständlich nicht problematisch. In Black-Pill- und Incel-Milieus kann Looksmaxxing allerdings mit extrem rigiden Attraktivitätshierarchien und der Vorstellung verbunden werden, körperliches Aussehen bestimme fast vollständig den eigenen Wert und Beziehungserfolg. (Quelle: The Week: A (semi-comprehensive) glossary of incel terminology) |
| MGTOW | „Men Going Their Own Way“. Eine Strömung, deren Anhänger Beziehungen mit Frauen teilweise vollständig ablehnen, weil sie heterosexuelle Partnerschaften und gesellschaftliche Strukturen als grundsätzlich nachteilig für Männer interpretieren. |
| PUA / Pick-up Artist | Szene rund um vermeintliche Techniken zur erfolgreichen Verführung von Frauen. Teile dieser Community betrachten Dating stark strategisch und vermitteln manipulative Vorstellungen von Beziehungen, Macht und Sexualität. |
| Manfluencer | Zusammensetzung aus „Man“ und „Influencer“. Gemeint sind männliche Influencer, die Inhalte über Männlichkeit, Fitness, Dating, Erfolg oder Status verbreiten. Der Begriff ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Frauenfeindlichkeit, wird in der Diskussion über die Manosphere aber häufig für Akteure verwendet, die Selbstoptimierungscontent mit antifeministischen oder stereotypen Geschlechterbildern verbinden. |
| Toxische Männlichkeit | Bezeichnet nicht „Männer als toxisch“, sondern problematische Männlichkeitsnormen, etwa die Erwartung permanenter Dominanz, Aggressivität, emotionaler Verschlossenheit oder der Abwertung vermeintlicher Schwäche. Für deinen Artikel würde ich den Begriff unbedingt so erklären, weil er ansonsten sehr leicht missverstanden wird. |
| Male Allyship | Beschreibt Männer, die ihre eigenen Handlungsspielräume nutzen, um Geschlechtergerechtigkeit aktiv zu unterstützen. Dazu gehört nicht nur eine zustimmende Haltung, sondern konkretes Verhalten: Sexismus widersprechen, Macht und Netzwerke teilen, Care-Arbeit übernehmen oder sich auch gegenüber anderen Männern für Gleichstellung positionieren. |
| 80/20 Rule | In Teilen der Manosphere verbreitete Behauptung, nach der angeblich 80 Prozent der Frauen ausschließlich an den attraktivsten 20 Prozent der Männer interessiert seien. Häufig wird dabei auf das Pareto-Prinzip verwiesen, obwohl sich daraus keine solche allgemeingültige Gesetzmäßigkeit für Partnerwahl ableiten lässt. |
| Male Supremacy | Vorstellung einer natürlichen oder gesellschaftlich wünschenswerten Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen. Der Begriff ist stärker als allgemeiner Antifeminismus und wichtig, wenn es um extremere Teile der Manosphere geht. |
Weitere deutsche Organisationen und Projekte, die sich für ein konstruktiveres Männerbild einsetzen
- PathForge: Das in Berlin aktive Projekt möchte Männer nicht mit Kritik an traditionellen Männlichkeitsnormen erreichen, sondern entwickelt bewusst positive Narrative. Dazu gehören Themen, wie gesunde Beziehungen, emotionale Entwicklung, Sinn, Werte und eine konstruktive Form von Männlichkeit.
- Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V.: Das Institut arbeitet und forscht seit Jahrzehnten zu Geschlechterverhältnissen, Jungenarbeit, Männlichkeit sowie der Prävention von Rechtsextremismus und Antifeminismus.
- Das Männerberatungsnetz bündelt Beratungsangebote speziell für Jungen, Männer und Väter. Der Ansatz ist ausdrücklich männlichkeitsreflektierend: Gesellschaftliche Erwartungen und Stereotype über Männer sollen in Beratung einbezogen werden, statt von einem vermeintlich geschlechtsneutralen Menschenbild auszugehen.
- „Echte Männer reden.“: Das bundesweite Beratungsangebot richtet sich unter anderem an Männer in Beziehungs-, Trennungs-, Arbeits- und Vaterschaftskrisen sowie Männer, die Gewalt erfahren oder selbst gewalttätig geworden sind. Gerade für deinen Lösungsabschnitt ist das wertvoll, weil es zeigt, dass der Gegenentwurf zur Manosphere nicht nur aus Kommunikationskampagnen bestehen kann.
- Plan International Deutschland: Die Organisation beschäftigt sich über ihren gendertransformativen Ansatz ausdrücklich damit, Jungen und Männer in Geschlechtergerechtigkeit einzubeziehen und gesellschaftliche Männlichkeitsnormen kritisch zu reflektieren.
Über die Autorin
Ich setze mich für die Gleichstellung von Frauen sowie anderen marginalisierten Gruppen ein. Zeitgleich übernehme ich für mein Geschlecht Verantwortung und engagiere mich für eine diverse, gerechtere sowie feministische Gesellschaft.
- Dennis Jantsch



