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Mental Health und die Kraft der Worte I: Warum Sprechen befreit

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Dunkel Hell

Mental Health und die Kraft der Worte I: Warum Sprechen befreit

Nora Hille
Mental Health und die Kraft der Worte-Titelbild

Worte haben Kraft und verbinden Menschen miteinander. Sprache schenkt uns die Möglichkeit zur inneren Einkehr und Reflexion genauso wie zum Dialog. Ein Austausch von Mensch zu Mensch darüber, was uns im Innersten bewegt.

Meeresrauschen, fern.
Worte werden zu Wellen.
Dein sanftes Flüstern.

Nora Hille

Dieser Dreizeiler ist im Stil eines Haikus verfasst, einer traditionellen japanischen Gedichtform mit dem Silbenmuster 5-7-5. Mal sind sie sanft, unsere Worte und hallen doch nach, wie bei einem Haiku. Worte können unsere Seele streicheln, Heilung schenken oder ein weinendes Kind trösten. Können Klarheit schaffen oder für Missverständnisse sorgen. Mal sind sie ein leidenschaftlicher Apell – womöglich gar ein Angriff. Oder wir haben Fragen über Fragen parat, doch keine Antworten.

Im Kontext von Mental Health möchte ich diesmal auf die Kraft der Worte anhand folgender Aspekte eingehen:

  • Wie reden wir mit uns selbst?
  • Gespräch mit einem vertrauten Menschen
  • Professionelle Gesprächsangebote

Das innere Selbstgespräch: Wie reden wir eigentlich mit uns selbst?

Ist Euch schon mal aufgefallen, wie Ihr in Gedanken mit Euch selbst redet? Euer Handeln und Tun bewertet? Und welchen Ton Ihr dabei anschlagt?

  • Was für eine tolle neue Frisur, macht mich glatt 10 Jahre jünger!
  • Wie blöd war das denn? Warum passiert bloß immer mir so was?
  • Ich sag nur clever! Das soll mir erst mal jemand nachmachen…
  • Was bin ich nur für eine Iditot*in! (Letzteres wahlweise zu ersetzen mit Trottel, Dummkopf, etc.)

Schon mal gedacht „Bekommt doch keiner mit, wie es in mir aussieht.“? Weit gefehlt. Da ist jemand, der ganz genau zuhört und sich von der Kraft unserer Worte beeinflussen lässt: Unsere Psyche. Wenn wir mit uns schimpfen, uns als „blöd“ bezeichnen oder als Idiot*in, prügeln wir damit regelrecht auf unsere Seele ein – und auf unser Selbstwertgefühl. Reden wir häufig auf diese abwertende Weise mit uns selbst, kann dies das innere Wohlbefinden zutiefst erschüttern. Negative Glaubenssätze, wie „Bei mir klappt nie etwas“ prägen sich ein – und werden permanent bestätigt. Ein ganz ungesunder, psychischer Prozess, kontraproduktiv zum Wunsch nach mehr Mental Health und innerer Balance.

Akzeptanz und Selbstliebe anstelle von Selbstbeschimpfung

Doch wie kommen wir raus aus dieser Nummer mit der Selbst-Geißelung? Indem wir uns aktiv zuhören, wenn wir Mal wieder mit uns selbst schimpfen (also unsere Vogelperspektive einschalten), die quasi automatisch ablaufende „Nummer“ erkennen und sie mit einer zielgerichteten gedanklichen Interaktion unterbrechen, zum Beispiel so:

Ich habe gerade bemerkt, dass mir etwas misslungen ist und denke: Ach, wie blöd von … – Stopp! So will ich mit meiner Seele nicht reden! O.K., ich habe einen Fehler gemacht. Jeder macht mal Fehler. Das ist nicht schlimm. Ich kann daraus lernen.

Gelingt es uns konsequent, unsere Selbstbeschimpfungen zu bemerken und aktiv zu unterbrechen, lernt unsere Psyche, dass wir auf ihrer Seite stehen und uns nicht länger sabotieren. Selbstwertgefühl kann so wieder wachsen. Diesen Prozess können wir unterstützen, wenn wir aktiv an unserer Selbstliebe arbeiten. Dabei können wir ganz bewusst auf die Kraft der Worte setzen und das innere Gespräch nutzen. Am besten formulieren wir zwei oder drei gut zu merkende, positive Glaubenssätze als ich-Aussage, die wir dann beispielsweise beim täglichen Zubettgehen kurz vor dem Einschlafen mehrfach wiederholen.

In meinem Beispiel könnte das so lauten:

Guten Abend liebe Nora,

guten Abend liebe Seele.

Danke, dass ihr mir heute so gut beigestanden habt.

Ich darf Fehler machen und verzeihe mir.

Ich bin gut und richtig, so wie ich bin.

Für diese positiven Glaubenssätze gibt es zahlreiche weitere Beispiele (das Prinzip ist vergleichbar mit Affirmationen oder Auto-Suggestion). Wichtig ist es, Worte zu finden, die gerade genau zur aktuellen Situation und den negativen Glaubenssätzen, die wir auflösen wollen, passen. Und diese Worte gilt es dann konsequent zu üben, am besten täglich. Denn wenn man kontinuierlich „dran bleibt“ wird sich mit der Zeit eine Veränderung zeigen.

Gespräch mit einem vertrauten Menschen im privaten Umfeld

Es gibt kaum etwas, das uns im Leben mehr Stabilität gibt und damit unsere mentale Gesundheit besser unterstützt als innige Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn wir ein Familienmitglied oder eine*n Freund*in haben, dem/r wir uns vorbehaltlos anvertrauen können mit allen Sorgen und Nöten, so bieten uns diese Gespräche:

  • die Möglichkeit uns auszusprechen,
  • unsere Bürde nicht länger allein tragen zu müssen,
  • eine/n Unterstützer*in an unserer Seite zu wissen,
  • die/der im besten Fall gemeinsam mit uns nach Lösungen für unser Problem sucht.

Umso schöner für beide Seiten, wenn es sich hierbei um eine ausbalancierte Beziehung auf Augenhöhe handelt, wo wir selbst einmal der ratsuchende Part und beim nächsten Mal der Unterstützende sein können.

Professionelle Gesprächsangebote mit fremdem Gegenüber: Erste Schritte

Doch was kann man tun, wenn genau so ein/e private*r Vertraute*r fehlt? Oder dessen Unterstützung einfach nicht mehr ausreicht, weil die mentale Herausforderung oder Krise, mit der wir konfrontiert sind, zu groß ist, um sie mit privaten Gesprächen und alltäglichen Skills bewältigen zu können?

Wir Menschen sind soziale Wesen und nur die wenigsten von uns vermögen es, in absoluter Einsamkeit zu bestehen. Deswegen kann es im Falle einer psychischen Krise oder extremen Belastung ein guter erster Schritt sein, mit dem Hausarzt zu sprechen, damit sich die aktuelle mentale Belastung gar nicht erst zu einem dauerhaften Krankheitsbild manifestiert. Volkshochschulkurse, Vereine und Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit, über gemeinsame Interessen auch menschlich zueinander zu finden. Sicher, es kostet Überwindung, in persönlich schweren Zeiten auf fremde Menschen zuzugehen und über die eigenen Belange zu sprechen. Doch genau damit übernehmen wir Verantwortung für unsere Mental Health.

Hat man erkannt, dass man Unterstützung benötigt, fühlt sich aber noch sehr unsicher, bieten sich als erster Schritt für eine Kontaktaufnahme niederschwellige Angebote, wie die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) an. Da die Wartezeit für einen Therapieplatz häufig mehrere Wochen bis Monate dauert, gibt es immer mehr Angebote, um hilfesuchende Menschen in dieser Zeit aufzufangen. Vorstellen möchte ich in diesem Kontext das Projekt „Redezeit für Dich“ als Partner des Bündnisses für seelische Gesundheit (www.virtualsupporttalks.de). Hier kann man kostenfrei und vertraulich mit über 350 ausgebildeten professionellen Therapeut*innen, Psycholog*innen und Coaches telefonieren, die (teils auch mehrsprachig) ihr Know-how und ihre Unterstützung anbieten – verbunden mit dem Wunsch, für Menschen etwas Sinnvolles zu tun. Solche Gespräche vermitteln uns das Gefühl „ich bin nicht allein“. Wir fühlen uns emotional aufgefangen und können uns dann im besten Fall auch emotional wieder „einfangen“.

Entscheidung für professionelle Begleitung

Mitunter aber wird in diesen Gesprächen mit fremden Beratern (genauso wie beim Austausch mit einem vertrauten Menschen) deutlich, dass eine länger andauernde professionelle Unterstützung durch einen Coach oder Therapeut*in Sinn ergibt. Sich Hilfe in dieser Form zu suchen, ist in meinen Augen keine Schwäche, sondern ganz im Gegenteil: ein Zeichen von Stärke. Nicht umsonst gibt es Menschen, die sich beruflich auf die Themen Psyche und Mental Health professionalisiert haben und von deren Wissen und Methoden wir enorm profitieren können.

Wann Coaching, wann Psychotherapie?

Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen Coaching und Psychotherapie:

  • Coach und Therapeut*in sind professionelle Gesprächspartner.
  • Sie stehen außerhalb des üblichen sozialen Umfeldes von Klient*in oder Patient*in.
  • Es wird eine vertrauensbasierte Beziehung aufgebaut.
  • Dabei stehen individuelle Anliegen und das subjektive Erleben von Klient*in oder Patient*in im Mittelpunkt.
  • Psychologische Methoden kommen zum Einsatz.
  • Coach und Therapeut*in greifen gezielt ein, um Probleme bzw. Störungen vorzubeugen, diese zu beheben oder deren negative Folgen einzudämmen.

Die Grenzen von Coaching und Therapie sind klar geregelt: Zielgruppe von Coaching sind gesunde Menschen, die sich in der Regel zu einem vorab definierten Thema coachen lassen. Ziel von Coaching ist es, die/den Klient*in in die Lage zu versetzen, Probleme künftig eigenständig zu lösen sowie Verhaltensweisen und Einstellungen weiterzuentwickeln.[1]

Siehe auch
Mehr mentale Gesundheit durch Kreativität-Freude schenken mit Wandersteinen-Titelbild

Laut dem Deutscher Bundesverband Coaching e.V. ist die Zielsetzung von Coaching „die Weiterentwicklung von individuellen oder kollektiven Lern- und Leistungsprozessen bezüglich primär beruflicher Anliegen. Als ergebnis- und lösungsorientierte Beratungsform dient Coaching der Steigerung und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit.“[2]

Psychotherapie dagegen richtet sich an Menschen mit Leidensdruck, die sich durch mentale Belastungen oder Krankheitssymptome in ihren Alltag als deutlich eingeschränkt empfinden. Im Gegensatz zum Coaching erfordert Therapie eine/n Behandler*in mit Approbation, also eine staatliche Zulassung zur Berufsausübung.

Ist die Entscheidung für ein Coaching oder für eine Therapie gefallen und terminlich der Anfang gemacht, begibt man sich auf die spannende Reise zu sich selbst. So kann ein Coaching bei einem berufsspezifischen Thema ungeheuer klärend und Kräfte freisetzend wirken. Hier sind zeitnahe Termine eher möglich, aber zumeist keine Kostenübernahmen (in manchen Fällen durch den Arbeitgeber, Nachfragen kann sich lohnen).

Wartezeit auf Therapieplatz überbrücken

Bei Therapien wird immer noch die von Josef Breuer und Sigmund Freud Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte „Redekur“ (talking cure) in all ihren modernen Varianten eingesetzt. Doch mitunter ist die Wartezeit auf einen Therapieplatz lang, bis zu zwölf Monate sind seit Corona leider keine Ausnahme mehr. Hier stehen mittlerweile Gesundheits-Apps, wie Selfapy (www.selfapy.com) zur Verfügung. Diese App, die bereits von 35.000 Nutzer*innen angewendet wurde, bietet Online-Kurse für Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen, Angst- und Panikstörungen. Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen. Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nachgewiesen, unter anderem durch eine Studie der Charité Berlin[3]. Aus meiner Sicht können diese oder ähnlich gelagerte Online-Angebote eine Option sein, um Versorgungslücken bis zum eigentlichen Therapiebeginn zu überbrücken oder in leichteren Fällen zum Wiedererlangen psychischer Stabilität beitragen.

Das gesprochene Wort aber, gerade im Dialog während einer Therapie, können sie nicht ersetzen. Denn in einer Therapiesitzung passiert noch viel mehr als der altmodische Begriff „Redekur“ zunächst vermuten lässt: Es findet ein Austausch statt von Worten, Mimik und Gestik. Wir hören den Klang zweier Stimmen, mal heiter aufgeräumt, sich selbst erkennend, dann wieder energielos langsam, verzweifelt oder gehetzt, dazwischen erklärende oder beruhigend tröstende Worte des/r Therapeut*in. Blicken uns in die Augen. Sind beide Mensch.

Positive Wirkung der „Redekur“

Uns auszusprechen, kann uns eine Last nehmen. Und mehr noch: Durch geschickte Fragen eines ausgebildeten Gegenübers

erkennen wir uns selbst. Persönlichkeitsentwicklung wird möglich. Wir können das, was uns schmerzt oder beeinträchtigt hat, loslassen und näher an unsere innere Mitte gelangen, uns regelrecht befreien. Schrittweise mehr der Mensch werden, der schon immer in uns angelegt war.

Mensch du, der du sprichst,
dich bespiegelst, dich erkennst,
Atme – und lebe.

Nora Hille

[1] Siehe Michel, Stefanie: „Der feine Unterschied zwischen Coaching und Psychotherapie“. Veröffentlicht in Welt online am 7. Februa 2018. Quelle: https://www.welt.de/gesundheit/article173289591/Der-Unterschied-zwischen-Coaching-und-Psychotherapie.html und Paulus, Christine: „Wann Coaching? Wann Therapie? – Gemeinsamkeiten und Unterschiede“. online verfügbar unter: https://christinepaulus.de/wann-coaching-therapie-unterschiede-gemeinsamkeiten. (beide Zugriffe: 18. Juni 2022).

[2] Quelle: https://www.dbvc.de/der-dbvc/definition-coaching (Zugriff: 18. Juni 2022).

[3] Studie der Charité Berlin online verfügbar unter https://formative.jmir.org/2022/4/e34330 (Zugriff: 18. Mai 2022).


Über die Autorin

+ Beiträge

Nora Hille, Jahrgang 1975, lebt in Norddeutschland, ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Katzen. Studium Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften. 12 Jahre Arbeit im Bereich Kommunikation/PR. Aus gesundheitlichen Gründen verrentet. Schreibt als Betroffene und Erfahrungsexpertin zu den Themen Mental Health, Psychische Erkrankungen und engagiert sich für die Anti-Stigma-Arbeit, also gegen die Stigmatisierung (Ausgrenzung) psychisch Kranker in unserer Gesellschaft für mehr Miteinander und Toleranz. Außerdem verfasst sie literarische Essays, Gedichte und Kurzprosa.

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