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Mental Health: Erkenne den Zauber des Augenblicks
Dunkel Hell

Mental Health: Erkenne den Zauber des Augenblicks

Nora Hille
Zauber des Augenblicks-Artikelbild

Himmelswolkenblau.

Ein Sonnenstrahl bricht hervor,

küsst sanft meine Haut.

Ich blinzle in den Himmel. Zwischen den Wolken kommt Sonnenlicht hervor. Wind streichelt mein Gesicht. Haarsträhnen kitzeln meine Wangen.

Dankbarkeit für das Jetzt

Ich bin so dankbar für diesen weiten Himmel über mir. Dankbar, den Wind auf meiner Haut zu spüren. Fühle mich beschenkt. Wie gut, dass ich vor die Tür gegangen bin. Ich bin auf dem Weg zum Supermarkt. Ein Spaziergang mit festem Ziel, der doch die Möglichkeit bietet, den Alltag hinter sich zu lassen. Oder treffender ausgedrückt: Im Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken.

Wind auf meiner Haut.

Blau spannt sich der Himmel auf.

Meine Seele singt.

Aufrichtige Begegnungen von Mensch zu Mensch

Im Supermarkt wechsle ich ein paar freundliche Worte mit der Kassiererin, als ich meine Waren auf das Band lege. Ein Bund Möhren, Äpfel, Gurken, Feldsalat, Kartoffeln, Erdbeeren, Basilikum, Cayennepfeffer, Eier, Cornflakes, Reis, Nudeln, Milch, zwei Tafeln Schokolade mit ganzen Nüssen. Wir sprechen über das Wetter, aber es ist kein Smalltalk. Wir nehmen einander wahr, blicken uns tief in die Augen, lächeln uns dabei an. Sind beide Mensch, vereinigt in einer aufrichtigen Begegnung. Augen sind für mich das Fenster zur Seele. Seelenfenster, die andere in mich hineinblicken lassen, genauso wie ich mit meinen Blicken die Tiefen anderer Augen erkunde. Erst noch so fremd und neu, dann irgendwann vertraut und voller Zuneigung, dieses Sich-gegenseitig-Wahrnehmen.

Über die Dauer des Augenblicks

Wie lange dauert ein Augenblick? Wenn ich dem Wort hinterherlausche, denke ich, dass es um diesen kurzen Moment zwischen zwei Wimpernschlägen geht.

Dem Gehirnforscher Ernst Pöppel zufolge dauert unsere erlebte Gegenwart immer etwa gleich lang – beziehungsweise in diesem Falle kurz: „Das Gehirn definiert sich selbst Systemzustände von der Dauer von maximal drei Sekunden. Alle drei Sekunden fragt das Gehirn sozusagen bei den Sinneszellen nach: Gibt es draußen etwas Neues?“[1]

Nach diesen drei Sekunden konstruiert unser Gehirn einen neuen Gegenwartsmoment aus allen Sinneseindrücken, die auf uns einströmen, kombiniert mit den Gedanken, die uns gerade durch den Kopf jagen.

Alle drei Sekunden eine neue Chance

Drei Sekunden also, die wir bewusst erleben können, indem wir auf uns achten und auf unsere Umgebung. Drei Sekunden, in denen wir aufmerksam lauschen, riechen, sehen, tasten, fühlen – ganz auf unsere Sinneswahrnehmungen konzentriert sind. Unsere Gedanken und Gefühle aus der Rolle eines Beobachters wahrnehmen. Damit ganz nah dran sind am Konzept von Achtsamkeit. Drei Sekunden voller Leben, in denen sich jederzeit etwas Zauberhaftes ereignen kann.

Oder aber drei Sekunden, in denen wir gedanklich Probleme wälzen, am Handy herumdaddeln, womöglich gar die Arbeit für die nächste Woche vorplanen, deswegen mit Scheuklappen durch die Welt laufen und damit die Chance auf einen echten, unverfälschten Augenblick verpassen.

Der Weg durch den Park

Auf dem Rückweg ziehe ich meinen prall gefüllten und mit zwei Tüten schwer behängten Einkaufstrolley hinter mir her durch den Park. Die Sonne ist erneut hinter den Wolken hervorgekommen, die Pflanzen glänzen noch vom letzten Regenschauer in einem satten, lebendigen Grün. Es duftet nach geschnittenem Gras. Ich sehe und staune. Was für eine Pracht!

Plötzlich leise Gitarrenklänge. Mein Blick wandert nach rechts, vorbei an Holunder, Brombeeren und Kirschbäumen. Mitten auf der großen Wiese, hinter sich ein paar Büsche, sitzen zwei Musiker auf ihren Stühlen, Notenständer vor sich, die Gitarren im Arm.

Ein Privatkonzert – für mich!

Zauber des Augenblicks-Privatkonzert von Jael und Leo
Die zwei großartigen Gitarristen Jael und Leo

Die Sonne wärmt mir den Rücken. Ich bleibe stehen. Rufe den beiden zu: „Na, jetzt möchte ich aber auch was von Euch hören!“ „Gerne“, antwortet einer der Musiker und winkt mich fröhlich heran. Vorsichtig mache ich mich auf den Weg zu meinem Privatkonzert. Der Einkaufstrolley ruckelt und zuckelt hinter mir her, während ich mit meinen Augen die holprige Wiese nach möglichen Hunde-Hinterlassenschaften absuche. Dann bin ich angekommen. Wir plaudern. Ich erfahre, dass der eine Gitarrist Musiklehrer ist und dass sein blonder Begleiter im Teenageralter bereits seit der zweiten Klasse dieses Instrument lernt. Notenpapier raschelt. Sie beginnen zu spielen. Für mich!

Zweistimmig und zart schweben die Töne des Hallelujas in den Sommerhimmel. Mein Herz wird weit. Was für eine schöne Musik.

Siehe auch
Freude schenken beglückt und steigert unsere mentale Gesundheit-Artikelbild

Musik verbindet, schenkt Freude und Hoffnung

Ich höre, wie eine Familie näherkommt. Das Kleinkind weint. Der Mann ruft „The women are from Ukraine. We will bring the kid home and then come back.“ Ich bekomme Gänsehaut. Von der Musik, aber auch von der Tiefe und Bedeutung dieses gemeinsamen Augenblicks. Ja, Musik ist eine universale Sprache, die wir alle verstehen, denn sie erreicht direkt unsere Seelen. Eine Sprache, die auch in Kriegszeiten wie diese kleinen Blumen der Hoffnung erblühen lässt.

„Seht Ihr, wie viel Freude Ihr den Menschen mit Eurer Musik macht?“, frage ich lächelnd die beiden Gitarristen beim Gehen.

Der Zauber der Achtsamkeit

Wer offen für den Zauber des Augenblicks ist, erschließt sich eine wichtige Ressource für mentale Gesundheit. Zauberhafte Augenblicke ereignen sich jederzeit. Doch es liegt an uns, sie im Alltäglichen zu entdecken. Dabei geht es auch um Achtsamkeit. Ein an sich wundervolles Konzept, das in meinen Augen leider durch das inflationär häufige Verwenden des Begriffes an Charme einzubüßen beginnt.

Vielleicht habe ich deshalb vom Zauber das Augenblicks geschrieben. Wer ihn entdecken möchte, braucht Aufmerksamkeit – nach innen wie nach außen.

Sieh hin, genieße.

Umarme den Augenblick

Sonnendämmerlicht.

Eine Kurzfassung dieses Artikels erschien erstmalig in der Zeitschrift experimenta – Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Ausgabe 07/08 „Leben erleben“ auf S.57-58. Siehe auch: https://experimenta.de/


[1]  Rosenbach, Manfred: „Die entscheidenden drei Sekunden“, zuletzt aktualisiert am 15. Januar 2008. Quelle: https://aseminar.schule.de/lernen/anwendungen/dreisekunden.htm  (Zugriff: 9. Juni 2022).

Über die Autorin

kontakt@norahille.de | + Beiträge

Nora Hille, Jahrgang 1975, lebt in Norddeutschland, ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Katzen. Studium Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften. 12 Jahre Arbeit im Bereich Kommunikation/PR. Aus gesundheitlichen Gründen verrentet. Schreibt als Betroffene und Erfahrungsexpertin zu den Themen Mental Health, psychische Erkrankungen und engagiert sich für die Anti-Stigma-Arbeit, also gegen die Stigmatisierung (Ausgrenzung) psychisch Kranker in unserer Gesellschaft für mehr Miteinander und Toleranz. Außerdem verfasst sie literarische Essays, Gedichte und Kurzprosa.

Im Herbst 2023 erscheint ihr Buch „Wenn Licht die Finsternis besiegt” bei Palomaa Publishing. Ein Mutmachbuch darüber, wie man trotz bipolarer Erkrankung – und der enormen Herausforderung, die diese tagtäglich für die innere Balance Betroffener bedeutet – ein gutes und reiches Leben gestalten kann.

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2 Kommentare
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Marina Hartmann
Marina Hartmann
5 Tage zuvor

Herrlich, einfach herrlich und wunderbar und inspirierend dieser Beitrag. So wertvoll das Geschriebene. Ich bin sehr dankbar für all’ so schöne, bildhaft dargestellte “Hilfen” für meine Mentale Gesundheit. Jetzt gehe ich mit einem breiten Lächeln in den Abend, weil ich wieder ein Stück weiter bin auf meiner persönlichen “Glücksmomenten-Aufmerksamkeits-Reise”.

Danke liebe Nora für deine Sichtweise, die du uns zur Verfügung stellst.

Nora Hille
Nora
Antwort an  Marina Hartmann
2 Tage zuvor

Von Herzen gern, liebe Marina, ich freue mich sehr über Deine Rückmeldung. Denn genau deswegen schreibe ich: Weil ich Menschen berühren und die mentale Gesundheit von uns allen stärken will.

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