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Das Leben bejahen: Mental Health ist auch eine Frage der Fokussierung
Dunkel Hell

Das Leben bejahen: Mental Health ist auch eine Frage der Fokussierung

Nora Hille
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Neulich wollte ich meiner Tochter (9) den Unterschied zwischen Optimismus und Pessimismus erklären. Naheliegender Weise musste dafür ein Glas mit Flüssigkeit herhalten, zu 50 Prozent gefüllt. Auch wenn ich zuvor überlegt hatte, ob ich von Orangensaft, Wasser oder besser einem gesunden grünen Smoothie mit Spinat und Banane sprechen sollte, landeten wir spontan bei dem recht geläufigen Glas Milch. Je nach Lebenseinstellung und Naturell eines Menschen eben halbleer oder halbvoll. Das Wichtigste, was ich meiner Tochter in diesem Gespräch näher bringen wollte, war, dass es ihre eigene Wahl ist, wie sie mit tagesaktuellen Ereignissen und Problemen umgehen möchte. Dass sie die Wahl hat, selbst in schwierigen Situationen ihr Augenmerk auf das zu legen, was in ihrem Leben gut ist und genau daraus Kraft zu schöpfen für das Bewältigen mentaler Herausforderungen. Dass es ganz allein in ihrer Hand liegt, eine Optimistin oder Pessimistin zu werden.

Der Optimist hat nicht weniger oft unrecht als der Pessimist, aber er lebt froher.

Charlie Rivel, spanischer Clown,1896-1983

Perspektivwechsel können uns mental stärken

Setzen wir uns gedanklich mit einem Problem auseinander, ist es hilfreich, dieses von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Perspektivwechsel ermöglichen Erkenntnisgewinn – und durch ein Fokussieren auf das Positive können wir uns in eine Haltung der Stärke und Aktivität versetzen.

Positive Fokussierung durch innere Zeitreise(n) und die Kraft der Imagination

Stellen wir uns folgende Ausgangssituation vor: Wir haben ein Problem und wissen nicht, wie wir es lösen sollen. Vielleicht haben wir sogar schon eine Pro- und Contra-Liste geschrieben, sind aber noch zu keinem Entschluss gelangt. In solchen Szenarien fällt mir immer wieder der Spruch meines früheren Lehrers für autogenes Training ein, den er uns zum Thema Stressmanagement beibrachte und der mir seitdem nicht mehr verloren ging:

Lösungen werden sich finden.

Wo werde ich mit diesem Problem:

  • in vier Wochen,
  • in vier Monaten,
  • in vier Jahren stehen?

Ich liebe jedes einzelne Wort dieses kraftvollen Merksatzes und seine positive Aussage gleich zu Beginn. Es klingt wie ein Mantra und kann genau dessen enorme Kraft freisetzen: „Lösungen werden sich finden.“ Ja, selbst wenn ich sie jetzt gerade noch nicht sehe, werden sich für mein Problem Lösungen finden. Sie werden auftauchen, fast von allein. Wenn ich mit dieser glücklichen Zukunftsaussicht die drei Zeitabstände vier Wochen, vier Monate und vier Jahre kombiniere, dann denke ich mir:

In vier Wochen habe ich mein aktuelles Problem in Angriff genommen und schon so Einiges erfolgreich in die Wege geleitet. In vier Monaten bin ich entscheidende Schritte vorangekommen, habe mein Problem womöglich bereits gelöst. Und in vier Jahren kann ich darauf zurückblicken und habe es entweder vergessen, weil es mittlerweile so unwichtig geworden ist, oder ich kann sogar darüber schmunzeln und stolz auf mich sein, weil ich es so gut hinbekommen habe.“

Aus meiner Sicht liegt die besondere Wirkung des Merksatzes darin, dass er zu einer inneren Zeitreise einlädt. Indem wir imaginieren, wie wir auf ein erfolgreich bewältigtes Problem mit einem Zeitabstand von vier Jahren zurückblicken, senden wir unserer Psyche eine kraftvolle Botschaft: Im Prinzip ist das Problem bereits gelöst – genau das kommt im Unterbewusstsein an und schenkt Zuversicht und Selbstvertrauen.

Negative Fokussierung führt zu Unwohlsein und psychischer Dysbalance

Wie sich negative Fokussierung auswirken kann, habe ich – Typ Optimistin – ganz praktisch und hautnah erlebt, als ich für den Antrag auf Feststellung eines Behinderungsgrades vor ein paar Jahren eine Liste meiner Symptome anlegen musste. Drei Tage lang setzte ich mich gefühlt nonstop mit meinen gesundheitlichen Einschränkungen auseinander. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf meine psychische Balance: Es ging mir täglich schlechter, ich sah mich selbst als ein defizitäres Wesen an. Wie froh und erleichtert war ich, als der Antrag abgeschickt war und ich Tage später schrittweise in meine emotionale Balance zurückfand.

Wann ist es Zeit für professionelle Unterstützung?

Die Überschrift dieses Artikels enthält ein bewusst platziertes „auch“: „Mental Health ist auch eine Frage der Fokussierung.“ Ohne dieses Wort bliebe es bei einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Denn es gibt im Leben mentale Herausforderungen, Schicksalsschläge, psychische Krisen und Erkrankungen, in denen man es alleine nicht mehr schafft, den Fokus zu verändern und auf das Positive auszurichten, sondern professionelle Hilfe benötigt.

Bei Lebenskrisen und stark belastenden Situationen kann es mit frühzeitiger professioneller Unterstützung gelingen, einer psychischen Erkrankung vorzubeugen. Wenn eine solche bereits vorliegt, von der man sich unter Umständen massiv beeinträchtigt fühlt, ist es nicht leicht, den Fokus neu auszurichten auf das Positive im Leben. Ist man zuvor schon ein fröhlicher und optimistischer Mensch gewesen, kann die erneute Fokussierung auf das Positive, unterstützt durch therapeutische und medizinische Begleitung, womöglich leichter gelingen.

Siehe auch
Mentale Gesundheit Warum am Muttertag zwei Herzen in meiner Brust schlagen-Titelbild

Doch kann die Diagnose einer psychischen Erkrankung Betroffene so sehr erschüttern, dass neben Krankheitsakzeptanz und Zeit häufig noch Persönlichkeitsentwicklung nötig wird, um sich im neuen Seins-Zustand annehmen zu können. Sich wieder als liebenswert und richtig zu empfinden – selbst wenn man nicht mehr auf dieselbe Weise in der Leistungsgesellschaft mitspielen kann wie zuvor. Im besten Fall – so habe ich es erlebt – kann eine psychische Krise oder Erkrankung Chancen bieten, sich von schädlichen Mustern zu verabschieden und gesündere Arbeits- und Verhaltensweisen zu entwickeln.

Fokussierung auf das Positive steigert die eigene mentale Gesundheit

Moderne Krankheits- und Gesundheitsvorstellungen inspirieren zu einer neuen Sicht auf das individuelle Erleben des eigenen Befindens: Auch beim dauerhaften Vorhandensein von Symptomen (körperlichen wie psychischen) gelingt es Betroffenen durch die Fokussierung auf positive Lebensaspekte und die eigenen Stärken sowie auf das, was noch machbar ist, Zufriedenheit und damit Wohlbefinden zu fühlen – trotz weiterhin bestehender Beeinträchtigungen. In dieser Sichtweise, die sich ebenfalls in der Positiven Psychologie wiederfindet, liegt eine ungeheure Kraft. Sie lässt es zu, Lebensqualität selbst bei nicht idealen Umständen zu empfinden – was sich unmittelbar positiv auf die mentale Gesundheit auswirkt und diese enorm steigern kann.

Das Leben bejahen

Sind wir psychisch gesund beziehungsweise in Balance, haben wir es in der Hand, selbst über unsere Fokussierung zu entscheiden. Pessimistisch oder optimistisch den Fragen und Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Wichtig ist es, uns die unbewussten Prozesse bewusst zu machen, die unsere Wahrnehmung steuern. Erkennen wir sie, können wir sie beeinflussen – zu unserem Wohl.

Mit einem Zitat des brasilianischen Schriftstellers Fernando Sabino (1923-2004), das häufig fälschlicherweise* Oskar Wilde oder John Lennon zugeordnet wird, lässt sich der Kreis schließen zur eingangs beschriebenen Szene mit dem halbvollen Glas Milch und zur lebensbejahenden Kraft des positiven Denkens:

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.

*Siehe: https://falschzitate.blogspot.com/2017/10/am-ende-wird-alles-gut-und-wenn-es.html

Über die Autorin

Nora Hille, Jahrgang 1975, lebt in Norddeutschland, ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Katzen. Studium Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften. 12 Jahre Arbeit im Bereich Kommunikation/PR. Aus gesundheitlichen Gründen verrentet. Schreibt als Betroffene und Erfahrungsexpertin zu den Themen Mental Health, Psychische Erkrankungen und engagiert sich für die Anti-Stigma-Arbeit, also gegen die Stigmatisierung (Ausgrenzung) psychisch Kranker in unserer Gesellschaft für mehr Miteinander und Toleranz. Außerdem verfasst sie literarische Essays, Gedichte und Kurzprosa.

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