„Mein Leben ist doch nichts Besonderes.“
Diesen Satz höre ich immer wieder in meinen Schreibgruppen. Oft leise, zurückhaltend, manchmal mit einem entschuldigenden Lächeln. Und meist von Frauen. Von jungen Frauen genauso wie von älteren. Von Frauen, die Kinder erzogen haben, die im Beruf „ihre Frau“ stehen, die um die Welt gereist sind. Von Frauen, die Angehörige pflegen, die Krisen überwunden und sich neu erfunden haben.
Und jedes Mal denke ich: Doch. Dein Leben ist außergewöhnlich. Weil jedes Leben außergewöhnlich ist. Denn wir alle haben einen unterschiedlichen Blick auf die Dinge, die uns umgeben. Wir alle nehmen unsere Umwelt anders wahr. Wir alle können mit unserem Denken, Fühlen und Handeln die Welt verändern. Nein … Wir können sie nicht nur verändern. Wir tun das jeden Tag.
Genau deshalb ist Biografiearbeit, also die Arbeit mit und an der eigenen Lebensgeschichte, für Frauen so wertvoll. Sie zeigt uns, was wir geleistet haben. Sie stärkt unser Selbstwertgefühl. Sie gibt unserer Geschichte die Stimme, die sie verdient.
Frauen sehen oft nicht, was sie leisten
Vor ein paar Jahren habe ich eine Frau kennengelernt. Nennen wir sie Grete. Sie erzählte mir beiläufig: „Ich habe halt gearbeitet, mich um die Kinder, meinen Mann und den Garten gekümmert. Nichts Besonderes.“
Beim genaueren Hinsehen kam heraus: Grete verdiente das Geld für die Familie. Ihr Mann war schwer erkrankt und starb, nachdem sie ihn jahrelang gepflegt hatte. Immer wieder gab es Streit in der Familie. Auch der Haushalt und die Kindererziehung blieben an ihr hängen. Das war eine Menge Arbeit, aber noch mehr stresste sie die Verantwortung und die Tatsache, dass sie den Überblick behalten musste. Sie hat „überlebt“, alles mehr oder weniger gut geschafft, es beruflich zu etwas gebracht. Einfach war es nie für sie. Trotzdem sagt sie: „Das hätte doch jede so hingekriegt.“
Das ist typisch für viele Frauen. Immer noch. Sie betrachten Kinder, Haushalt, Pflege, Organisation nicht als Leistung, sondern als Pflicht und als Selbstverständlichkeit. Viele Männer neigen eher dazu, ihre Erfolge zu erzählen, sei es beruflich, sportlich oder politisch. Sie übertreiben dabei auch gerne mal, stellen sich in den Mittelpunkt, wollen bewundert werden. Natürlich gibt es auch zurückhaltende Männer. Und es gibt immer mehr Frauen, die sich gerne auf die großen Bühnen stellen und ihre Erfolge feiern. Das ist gut so. Aber typisch ist es leider immer noch, dass Frauen ihre eigenen Erfolge eher kleinreden oder sie in Nebensätzen verstecken.
Wenn Frauen ihre Erinnerungen aufschreiben, wenn sie sich an Szenen aus ihrem Alltag erinnern, dann bekommen die scheinbar kleinen Handlungen Gewicht. Dann wird sichtbar: Hier hat eine Frau über Jahre hinweg unermüdlich gewirkt. Darin steckt eine Stärke, die man nicht übersehen sollte. Eine Kraft, die Großes hervorgebracht hat und noch hervorbringen wird.
Beim Schreiben passiert oft etwas Wunderbares: Die Frauen beginnen, zu staunen. Über sich selbst. Sie lesen ihre eigenen Texte und sagen: „Das war wirklich mein Leben? Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel geschafft habe.“
Selbstwertgefühl – die (un)heimliche Baustelle

Viele Frauen tragen eine versteckte Wunde in sich: das Gefühl, nicht genug zu sein. Ich selbst kenne das gut. Oft habe mich gefragt: Was hätte ich bei der Kindererziehung besser machen können? Warum habe ich im Beruf nicht mehr erreicht? Und wenn ich fünf Kilo weniger wiegen würde, wäre ich schön genug … Wofür?
Solche Sätze tauchen immer wieder auf, wenn ich mit Frauen spreche. Dahinter steckt ein Selbstwertproblem, das uns Frauen tief geprägt hat. Über viele Generationen wurde uns beigebracht, uns nicht in den Vordergrund zu stellen, bescheiden zu sein, uns um andere zu kümmern und die Männer entscheiden zu lassen. Erst seit 1962 dürfen Ehefrauen allein ein Konto eröffnen. Erst seit 1969 sind verheirate Frauen voll geschäftsfähig. Und erst seit 1977 dürfen Frauen auch ohne Erlaubnis ihres Ehemannes einer Arbeit nachgehen. Grundsätzlich war das zwar schon ab 1958 erlaubt, aber mit dem Zusatz, dass dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar sein musste. Das schüttelt man nicht so leicht ab, auch wenn es heutzutage so scheint, als seien die Frauen selbstbewusster geworden.
In meinen Kursen erlebe ich oft, dass das Schreiben wie ein Spiegel wirkt. Plötzlich werfen die Texte Szenen von früher zurück. Die Berufswahl, die erste eigene Wohnung, eine abenteuerliche Reise, eine mutige Trennung, das Durchhalten in schwierigen Zeiten.
Die Frauen kommen sich und ihren Erinnerungen näher. Sie erfahren, wer sie sind und wer sie sein wollen. Während sie schreiben, beginnen sie oft zu nicken. Etwas wächst in ihnen, das sie vielleicht lange nicht gespürt haben: Stolz.
Anfangs ist dieser Stolz eher still und zurückhaltend. Aber mit dem Schreiben beweisen sie, was sie in ihrem Leben geschafft, gelernt, gemeistert haben. Anderen Menschen, aber vor allem sich selbst: Sieh her, hier steht es. Schwarz auf weiß.
Biografiearbeit als Selbstfürsorge
Viele Frauen sind ihr Leben lang darauf trainiert, sich um andere zu kümmern. Zeit für sich selbst ist ein Luxus, den man sich als Ziel setzt. „Wenn die Kinder aus dem Haus sind … Wenn ich genug Geld habe … Wenn ich in Rente bin …“
Doch dann ist es vielleicht zu spät.
Wenn ich anfange zu schreiben, tauche ich ab: Für ein paar Minuten oder Stunden geht es nur um mich. Um meine Erinnerungen, meine Träume, meine Stimme, meine Ideen. Das Schreiben befreit mich von Zweifeln, zeigt mir meinen Weg, klärt meine Gedanken und Gefühle.
Und das geht nicht nur mir so. Viele Frauen, mit denen ich gearbeitet habe, bestätigen mir das.
Eine Kursteilnehmerin fing beim Schreiben plötzlich an zu grinsen. „Ich stelle mir gerade vor, wie ich damals meinen ungeliebten Job gekündigt habe. Zuerst hat mein Chef gesagt: Sie finden sowieso nichts Neues. Ich habe geantwortet, dass ich zur Konkurrenz gehe und dort fast das Doppelte verdiene. Ihr glaubt nicht, wie der geschaut hat. Das war köstlich. Ich bin hoch erhobenen Hauptes zur Tür hinausgegangen.“
Solche Aha-Momente sind Gold wert. Sie machen sichtbar, dass wir nicht Opfer der Umstände sein müssen, sondern Gestalterinnen unseres Lebens sind.
Schatz und Truhe in einem
Jede Frau trägt Geschichten in sich. Manche sind schillernd, bunt und lustig, manche schmerzhaft, wehmütig und grau. Wir alle sind Schatztruhen für unsere Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse. Wenn wir uns für unsere Erinnerungen öffnen, in die Truhe schauen und Episoden aufschreiben, erschaffen wir Texte, die niemand anderes so schreiben kann. Wer schreibt, erlebt seine Einzigartigkeit ganz unmittelbar.
Doch nicht nur unsere Erinnerungen sind wertvoll. Wir selbst sind Schätze. Für uns, für unser Umfeld, für die Welt.
Eine meiner Teilnehmerinnen hat nach dem Kurs ihr Manuskript ihrer Enkelin gegeben. Und die war total überrascht: „Oma, du hast ja damals gegen deinen Vater rebelliert und eine Ausbildung gemacht, obwohl er das nicht wollte.“ Die Enkelin sah ihre Großmutter in einem ganz neuen Licht.
Ja, auch Omas waren mal jung, wild und haben Mini-Röcke getragen. Mütter haben gegen Atomkraft und für den Frieden demonstriert. Großtanten sind zum Meditieren nach Indien gefahren und Tanten haben – gegen viele Widerstände – Unternehmen aufgebaut. Sie sind Zeuginnen ihrer Zeit, so wie wir alle Kinder unserer Zeit sind. Wir lernen aus der Geschichte vor allem, wenn sie in persönlich erlebten Geschichten vermittelt wird.
So wird Biografiearbeit nicht nur zu einem Schatz für uns selbst, sondern auch für kommende Generationen.
Schreiben macht stark

Das Gute an der Biografiearbeit ist: Sie wirkt nicht nur rückwärts, sondern vor allem vorwärts. Wer seine eigene Geschichte würdigt, bekommt Lust darauf, neue Kapitel zu schreiben, sein Leben bewusst zu gestalten, seine Stärken zu nutzen.
Ich sehe es immer wieder: Frauen beginnen nach einem Kurs oder einem Coaching ein neues Hobby, wechseln den Beruf, planen eine Reise, verwirklichen einen Traum. Denn wer die Vergangenheit liebevoll anschaut, entwickelt Kraft für die Zukunft.
Für Frauen ist Biografiearbeit keine Nebensache. Sie ist ein Schlüssel, um wertschätzend auf sich und das Leben zu blicken. Ein Weg, um das Selbstwertgefühl zu stärken und sich selbst (wieder) als Hauptfigur in ihrer Lebensgeschichte zu sehen.
Dein Leben ist nichts Besonderes? Doch. Dein Leben ist dein einzigartiger Weg, geprägt von Mut, Liebe, Verlusten, Neuanfängen – und von Stärken, die dir vielleicht noch nicht bewusst sind.
Nicht denken, sondern schreiben
Du hast Lust, die Kraft des Schreibens für dich zu nutzen? Fang doch mit dieser einfachen Methode an:
Suche ein Foto von dir, auf dem du glücklich aussiehst. Oder nimm ein Bild, das du in einem glücklichen Moment gemacht hast.
Versetze dich in die Szene hinein. Was hat dein Glück ausgelöst? Wie hast du dich genau gefühlt? Was hast du in diesem Moment wahrgenommen? Hat dieses Glück einen bestimmten Geruch oder Geschmack für dich?
Tauche ganz in deine Emotionen ein. Frage dich auch: Was kann ich tun, um wieder so ein Glück zu spüren?
Schreibe alles auf. Versuche, dabei nicht zu viel zu denken. Lass die Worte sprudeln und fließen. Alles, was du schreibst, ist richtig und gut. Denn es kommt aus deinem Inneren.
Der Text ist dein Schatz. Und du bist mehr als genug.
Über die Autorin
Herzlich willkommen, ich freue mich, dass du mein Profil hier gefunden hast.
Ich bin Beate Fischer. Bei mir dreht sich alles ums Schreiben und ums Leben.
Als freie Lektorin, Autorin, Texterin, Übersetzerin für Leichte/Einfache Sprache und Biografin sorge ich für maßgeschneiderte, persönliche Texte.
Als Schreibpädagogin, Schreibcoach, Trainerin für Biografiearbeit und Dozentin in der Erwachsenenbildung vermittle ich in Kursen oder in Einzelgesprächen vor allem, dass Schreiben Freude machen kann und sehr viel zur persönlichen Entwicklung beiträgt.
Und natürlich auch, dass alle Menschen schreiben können - manchmal fehlt nur die passende Anleitung.
Bei mir gibt's Struktur, Verlässlichkeit und Genauigkeit genauso wie Fantasie, Kreativität und Leichtigkeit.
Ich schreibe am liebsten über Menschen und ihre Lebensgeschichten. Über ihre Wünsche, Träume und Ziele genauso wie über ihre Herausforderungen und Ängste. Über das, was sie geschafft haben, und das, was sie noch erreichen wollen.
Für mich ist jedes einzelne Leben gesellschaftlich wichtig. Jede Person gehört dazu, kann etwas beitragen, gestalten, mitbestimmen und entscheiden. Jede Person steuert ihre Perspektive bei. Nur so wird unsere Gesellschaft bunt, vielfältig und allen gerecht.
Deshalb bin ich offen für alle und alles, solange der Kontakt respektvoll, wertschätzend und menschlich ist.
Und jetzt ist Schluss mit der Theorie. Ich mag die Praxis.
Deshalb hier gleich eine Methode aus dem Kreativen Schreiben: das Akrostichon.
Probiere es einfach mit deinem Namen aus.
Du nimmst dir ein Papier und schreibst deinen Namen am linken Rand von oben nach unten.
Dann überlegst du dir zu jedem Buchstaben etwas Positives, das du mit dir verbindest. Etwas, das dir gefällt, das du gerne machst, das du gut kannst.
Bei mir sieht das zum Beispiel so aus:
B ücherfan
E infühlsam
A ufgeweckt
T eetrinkerin
E infallsreich
Und was fällt dir zu deinem Namen ein?
Ich freue mich auf dich und schicke viele Grüße
Beate
- Diese*r Autor*in hat bisher keine weiteren Beiträge.





Liebe Beate,
ich schließe mich deinem Ansatz an: Frauen mit ihrer Biografie zu stärken, ihnen die Wertschätzung zu geben, die sie versäumt haben, sich in ihrem Leben selbst zu geben, das ist ein wahre Schatztruhe.
Ich bin selbst Autorin, Biografie-Coach, Feng-Shui-Beraterin und räume mit meinen Klienten gerne ihr Zuhause und ihr inneres Zuhause auf. Dabei wirkt das tatkräftige Schreiben, Malen und Tun wie ein Befreiungsschlag.
Danke für dein Wirken & Sein – so wertvoll!
Mit herzlichen Grüßen
Heike Eberle
Herzlichen Dank, liebe Heike, ich kenne das mit dem inneren und äußeren Aufräumen sehr gut. Wenn auf meinem Schreibtisch zu viel liegt, verliere ich völlig den Überblick. Sobald ich ihn aufgeräumt habe, sieht es in mir viel sortierter aus und alles fällt mir leichter.
Viele Grüße
Beate