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Here we go again: Strategisch gut aufgestellt durch den Corona-Herbst
Dunkel Hell

Here we go again: Strategisch gut aufgestellt durch den Corona-Herbst

Marlene Amalie Magerl
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Der Herbst ist da – auch wenn wir es nach diesem unheimlich schönen Sommer vielleicht noch nicht wahrhaben wollen. Zumindest hier in den Niederlanden zeigte sich der September von seinen guten Seiten und ich habe große Hoffnungen auf einen wunderbaren, goldenen Oktober! Gleichzeitig beginnt ein Thema langsam seine Arme wieder in meine Feeds auf Social Media, meine News-Apps und andere Medien zu strecken, wie ein Krake seine Tentakeln. Es geht um das leidliche C-Wort, Corona. Die Daten sind eindeutig, wir werden es diesen Herbst und Winter wieder mit unserem unerwünschten Begleiter zu tun bekommen. Als Beraterin für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz möchte ich in diesem Artikel eine altbewährte Strategie aufzeigen, die uns in den kommenden Monaten helfen kann. 

Wie Flexibilität strategisch gelingt

Wenn es um Flexibilität geht, erlebe ich regelmäßig, wie meine Klient*innen einem Glaubenssatz auf den Leim gehen: Wer plant, ist nicht flexibel und nimmt sich viele Freiheiten. Das ist jedoch nicht ganz richtig. Wer nicht plant, muss im Zweifelsfall alles spontan (und dann auch noch gut!) entscheiden, unter Berücksichtigung vieler interner und externer Faktoren, Interessen und potenzieller Konsequenzen. Im Falle von Corona kann das zum Beispiel bedeuten, dass sehr schnell wieder im Homeoffice gearbeitet werden muss, erkrankte Kolleg*innen ausfallen oder es zu anderen operativen Schwierigkeiten kommt, die kompensiert werden müssen. Auch privat wurde es in der Vergangenheit durch Kita-Schließungen und Lockdowns gern kurzfristig kompliziert. Was es also braucht, ist eine Planung ähnlich einer Spielanleitung, die potenzielle Szenarien antizipiert und vorab gut überlegte Lösungsansätze enthält. In der BWL kennen wir dieses Vorgehen aus der Szenarioanalyse, die im Bereich des Innovations- und Risikomanagement genutzt wird. Das Vorgehen lässt sich in der jetzigen Situation sehr gut anwenden: Organisatorisch und individuell, beruflich und privat. 

Kurze Anleitung für die Szenario-Analyse 

  1. Den Rahmen abstecken: Um welchen Bereich geht es gerade? Wofür wollen wir genau verschiedene Szenarien bewerten und analysieren? Geschäftliches Beispiel: Corona-Fälle in einer bestimmten Abteilung. Dabei sollte auch der momentane Ist-Zustand gut beleuchtet werden. Wie sieht die Arbeitsteilung in der Abteilung momentan aus? Wer hat welche Schlüsselrollen? Welche beeinflussenden Faktoren gibt es? Wer muss mit am Tisch sitzen, um eine gute Strategie zu entwerfen? Je repräsentativer das Team, desto aussagekräftiger das Ergebnis.
  2. Prognosen erstellen: Wir kennen die Situation der letzten Jahre und können anhand momentaner Prognosen aus der Wissenschaft ganz gut einschätzen, welchen Einfluss Corona in den kommenden Monaten auf uns und unsere Arbeit haben wird. Hier ist es jetzt wichtig, Schlüsselfaktoren zu identifizieren. Um beim Beispiel zu bleiben: Es geht um Faktoren, die die Handlungsfähigkeit in der Abteilung beeinflussen, positiv wie negativ. Ich finde hier Metaplankarten persönlich super, um die Faktoren anschaulich zu visualisieren.
  3. Szenarien bilden: Jetzt werden verschiedene mögliche Szenarien konkret erarbeitet. Hier ist es sinnvoll, erstmal die Extreme gut zu beleuchten: Ein Szenario berücksichtigt alle positiven Faktoren (was, wenn keiner krank wird?), eines alle negativen Faktoren (what happens if shit hits the fan?) und dann eins oder mehrere dazwischen, je nachdem wie viele realistische (!) Kombinationen von Einflussfaktoren es gibt. Hier kann man die Metaplankarten jetzt super in verschiedenen Kombinationen zusammenbringen, um zu schauen, was realistisch ist und wie das entsprechende Szenario aussehen würde. 
  4. Strategien entwerfen: Abschließend wird eine Strategie für das Szenario entworfen, das am wahrscheinlichsten erscheint. Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob diese Einschätzung  zu 100% stimmt, denn wir berücksichtigen dabei auch die anderen Szenarien, zum Beispiel für Alternativ-Strategien beim Eintreten bestimmter Ereignisse. Hier hilft das “Was passiert, wenn…”- Prinzip enorm weiter, um konkret zu werden. 
  5. Visualisierung: Wer ein bisschen kreativ ist, kann die Ergebnisse am Ende grafisch darstellen. Zum Beispiel, indem man seine Metaplankarten auf ein Plakat heftet und Verbindungslinien einzieht, dadurch entsteht eine Art Flussdiagramm. Jetzt weiss jeder, was in welchem Fall zu tun ist und es gibt eine gute Diskussionsbasis für den Fall der Fälle. 

Zusammengefasst ist die Planung, die wir hier machen, keine Gebrauchsanweisung, sondern es geht um gute Spielregeln unter Berücksichtigung der relevanten Faktoren. Sobald diese stehen, können wir vorab die notwendigen Vorbereitungen für das wahrscheinlichste Szenario treffen. Sind wir noch so aufgestellt, dass auch schnell wieder ins Homeoffice gewechselt werden kann? Müssen wir Kolleg*innen in bestimmte Schlüsselaktivitäten einarbeiten, um Redundanz im Krankheitsfall zu garantieren? Gibt es Langzeitprojekte, die im Fall des Falles ohne kurzfristige Konsequenzen vorerst auf Eis gelegt werden könnten, um das Team zu entlasten? 

Szenarien helfen auch privat

Diese Vorgehensweise klingt erstmal total komplex. Ist sie aber gar nicht. Viele von uns nutzen Szenarien bereits privat, vor allem, wenn immer wieder das Gleiche schiefgeht. Wir nehmen mal das Beispiel der Spülmaschine, die sich nie von selbst einräumen will. Dann wird sich an einen Tisch gesetzt und zusammengetragen, was nicht geklappt hat. Der Rahmen wird abgesteckt. Wir überlegen dann auch gemeinsam mit unseren Liebsten, woran es gelegen haben könnte. Zu viel Spannendes nach dem Essen, Zeitdruck nach dem Frühstück am Morgen, keine Lust dazu, und so weiter. Vielleicht fühlt sich auch niemand so wirklich verantwortlich und man hat insgeheim gehofft, ein anderer macht es. Die Einflussfaktoren werden benannt. Dann schauen wir, wie wir es in Zukunft gerne hätten und was passiert, wenn es wieder komplett schief geht. Die Szenarien werden entworfen. Am Ende wird vereinbart, wie wir es in Zukunft handhaben wollen und wie wir sicherstellen können, dass das Ideal eintritt. Die Strategie wird festgelegt. Im Familienumfeld wird oft nicht visualisiert, vielleicht wäre das jedoch gar keine so schlechte Idee, solche Vereinbarungen auch mal auf Papier zu bringen?! 

Siehe auch
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Gute Planung ist fürs Wohlbefinden essenziell

Im Bezug auf Wohlbefinden und psychische Gesundheit hilft so eine vorab definierte Strategie ebenfalls total: Der Stresslevel ist niedriger, da nicht alles ad hoc entschieden werden muss, es bleiben mehr Kapazitäten für Kommunikation und gegenseitige Hilfe und der Überblick geht nicht so schnell verloren. Die Überforderung kommt bestimmt im einen oder anderen Moment zurück. Gleichzeitig sind wir darauf dank unserer Szenarioanalyse auch besser vorbereitet. 

Wenn wir in schwierigen Situationen unsere mit kühlem Kopf entworfenen Strategien zu Rate ziehen können, bleiben uns sowohl mehr Zeit als auch mentale Flexibilität, um die Herausforderung gut zu meistern. Dann können wir uns viel besser um die wirklich wichtigen Dinge kümmern: Zum Beispiel einen dicken Blumenstrauß an die kranke Kollegin schicken, die gerade zum dritten Mal Corona hat. Oder mehr Zeit für Rücksprachen mit unseren Teammitgliedern einplanen, die gerade mehr inhaltliche Unterstützung brauchen. Trotz Kita-Schließung eine bessere Arbeitsteilung ermöglichen, als in den letzen Corona-Wellen. Denn am Ende kommt es darauf am meisten in der Krise an.

Über die Autorin

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Marlene glaubt fest daran, dass eine menschliche, inklusive Wirtschaft produktiver und profitabler ist. Wer heute seine Branche revolutionieren will, wird sich um seine größte Ressource bemühen müssen: Die Mitarbeitenden!

Dieses Thema geht sie aus verschiedenen Perspektiven an: Marlene ist zertifizierte systemische Beraterin und Business Coach mit zusätzlichem Schwerpunkt auf systemischer Organisationsberatung und Organisationsentwicklung. Sie hat an renommierten Universitäten Wirtschaft und Medizin studiert, unter anderem an der Universität Groningen und in Cambridge. Zudem ist sie Teil der Geschäftsführung im Familienunternehmen Koamed, einem Dienstleister für Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit. Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit forscht Marlene zu Arbeit und psychischer Gesundheit bei jungen Erwachsenen an der Universität Groningen und ist angehende Ärztin.

Marlene will die Wirtschaft menschlicher machen und ihre Klient*innen für die Arbeitswelt der Zukunft wappnen!

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