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Mehr als nur Überleben: Posttraumatisches Wachstum und dessen Dynamik verstehen

Mehr als nur Überleben: Posttraumatisches Wachstum und dessen Dynamik verstehen

Yve Nicole Mohnfeld
Posttraumatisches Wachstum-Artikelbild

Wir alle kennen das Sprichwort: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“ Ehrlich gesagt, ich fand diesen Satz immer schrecklich. Er klingt nach ungesundem Durchhalten, ignoriert den Schmerz, den eine Krise verursacht und verleugnet die vielen Jahre des Leidens, die ein Trauma häufig mit sich bringt.

Dieses Ideal, sich einfach zusammenzureißen und bloß keine Schwäche zu zeigen, ist neben der familiären und gesellschaftlichen Prägung förmlich in unseren Zellen gespeichert. Wir tragen dieses Erbe unserer Vorfahren mit uns herum, eine Art biologisches Gedächtnis, das uns auch heute noch dazu bringt, eher zu funktionieren als zu fühlen.

Es sorgt auch dafür, dass wir uns in unseren dunkelsten Stunden dafür schämen, nicht einfach weiterzumachen, und glauben, wir müssten unseren Schmerz leise und ganz für uns allein bewältigen.

Wir machen also so lange weiter, bis es irgendwann einfach nicht mehr geht und eine chronische Erkrankung, oder ein Burnout anklopft. Und selbst dann versuchen die meisten Menschen, die Symptome erst einmal mit Medikamenten zu unterdrücken. Dies alles, nur um bloß nicht schwach zu wirken.

Was ist Posttraumatisches Wachstum eigentlich?

Die Psychologie beschreibt ein Konzept, das viel tiefer geht als bloßes „Überleben“. Es heißt Posttraumatisches Wachstum. Es beschreibt nicht das Ignorieren des Schmerzes, sondern die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, durch den Schmerz hindurch über sich selbst hinauszuwachsen.

Stell dir eine Kintsugi-Vase vor. Bei dieser japanischen Kunst werden die Bruchstellen nicht versteckt, sondern mit einem natürlichen Harz und feinem Goldpulver verbunden. Die Risse bleiben sichtbar, aber sie leuchten in gold. Die Vase ist nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie trägt Spuren, aber gerade das macht sie besonders und einzigartiger als jemals zuvor.

So ähnlich kann es auch sein, wenn Menschen eine schwere Krise durchstehen: Sie kommen nicht unversehrt daraus hervor, aber oft mit einer neuen Perspektive, mehr innerer Stärke und manchmal sogar mit einem tieferen Verständnis für das, was wirklich zählt. Es geht nicht darum, das Leid schönzureden – sondern darum, was man aus den Trümmern aufbaut.

Die 5 Säulen des Wachstums

Die Forscher Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun beschreiben fünf Bereiche, in denen Menschen nach Krisen und Trauma oft eine positive Entwicklung erleben:

  1. Wertschätzung des Lebens: Eine Veränderung der Prioritäten; man freut sich mehr an den „kleinen Dingen“.
  2. Beziehungen zu anderen: Eine größere Nähe zu geliebten Menschen, Tieren, der Natur und mehr Mitgefühl und Verständnis für andere.
  3. Persönliche Stärke: Das Bewusstsein: „Wenn ich das überlebt habe, schaffe ich auch alles andere.“
  4. Neue Möglichkeiten: Das Entdecken neuer Lebenswege oder Interessen, die vorher undenkbar waren.
  5. Spirituelle Erkenntnisse: Eine tiefere Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen, dem eigenen Glauben und der Frage, wer du wirklich bist.

Der steinige Weg – Warum es keine schnelle Lösung gibt

Wachstum bedeutet nicht, dass die Spuren einer PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) einfach verschwinden. Leid und Wachstum liegen oft nah beieinander. Manchmal so nah, dass man am Montag noch tiefe Trauer oder Angst spürt und am Dienstag plötzlich eine neue Klarheit über das eigene Leben gewinnt und neue Pläne schmiedet.

Wichtig ist: Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Es gibt keinen festen Zeitplan, und niemand sollte sich unter Druck gesetzt fühlen, aus seinem Leid „endlich“ etwas Gutes ziehen zu müssen. Es ist ein Prozess – und der braucht Zeit.

Was dir jetzt wirklich hilft.

Soziale Unterstützung

Manchmal reicht es schon, wenn jemand einfach nur da ist und zuhört. Ein sicherer Ort, an dem du deine Gedanken und Gefühle aussprechen kannst, ohne dass man dir sagt, was du tun sollst. In solchen Momenten spürst du vielleicht: Ah, so fühle ich gerade. Und das ist okay. Ich bin okay, so wie ich bin und wie ich gerade fühle.

Aktive Verarbeitung

Es kann befreiend sein, das Erlebte nicht nur zu fühlen, sondern auch kreativ auszudrücken. Ob du es aufschreibst, in Bildern malst, in Musik oder Bewegung findest. Hauptsache, du gibst dem, was in dir ist, einen Ausdruck. Das kann sich wie Loslassen anfühlen und plötzlich spürst du etwas mehr Leichtigkeit.

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Selbstmitgefühl

Du musst nicht „stark“ sein. Du darfst Pause machen. Du darfst Tage haben, an denen alles anstrengend ist und trotzdem freundlich mit dir selbst sein. Heilung braucht Zeit. Und die darfst du dir nehmen.

Mein Fazit

Trauma verändert uns, das lässt sich nicht leugnen. Es erschüttert oft unser Urvertrauen und das tiefe Gefühl von Sicherheit. Doch das Konzept des posttraumatischen Wachstums zeigt uns: Das Ende der Geschichte, die wir kannten, kann der Anfang einer tieferen, bewussteren Version unserer selbst sein.

Doch posttraumatisches Wachstum ist keine Aufforderung zur Selbstoptimierung. Es braucht keine Perfektion, um heil oder richtig zu sein. Dieses Wachstum findet nicht in lauter, äußerer Aktivität statt, sondern in der Tiefe. Heilung passiert in Schichten, erfordert Selbstmitgefühl und Geduld.

Merke dir: Du musst nicht funktionieren, um richtig zu sein. Du darfst im Stillen wachsen.

Quellen & Weiterführende Literatur

  • Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (2004). Posttraumatic Growth: Conceptual Foundations and Empirical Evidence. Psychological Inquiry.
  • Maercker, A. (2015). Trauma und Traumafolgestörungen. Springer Verlag.
  • Frankl, Viktor E. (1946). … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.
  • Bessel van der Kolk (2014) „Verkörperter Schrecken“ (The Body Keeps the Score)

Über die Autorin

Yve Nicole Mohnfeld

Ich bin Autorin aus Leidenschaft. Seit einigen Jahren teile ich mein Wissen über mentale Gesundheit, das Nervensystem und ganzheitliche Körperarbeit in meinen Texten. Zwei Bücher habe ich bereits veröffentlicht – weitere sind schon in Arbeit. Alles, worüber ich schreibe, basiert auf fundiertem Fachwissen und praktischer Erfahrung. Seit sechs Jahren begleite ich Frauen auf ihrem Weg zu mehr Körperbewusstsein, Gesundheit und innerer Balance. Als ausgebildete Entspannungspädagogin und zertifizierte Qigong-Lehrerin verbinde ich westliche Methoden wie Übungen aus der Atemtherapie mit fernöstlicher Weisheit der TCM und dem japanischen Heilströmen. Mit meinen Büchern und Impulsen möchte ich dich inspirieren, dir selbst mit mehr Achtsamkeit, Leichtigkeit und Selbstfürsorge zu begegnen.

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2 Kommentare
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Leena Höpcke
27 Tage zuvor

Was für ein starker Artikel, der mich an meine berufliche Krise erinnert. Heute, zurückblickend, dass beste was mir passieren konnte. Danke, für deine schönen Worte! ❤️

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