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Mit Resilienz durch die Weihnachtszeit & Neustart Kampagne „Gib Depressionen ein Gesicht“

Mit Resilienz durch die Weihnachtszeit & Neustart Kampagne „Gib Depressionen ein Gesicht“

Nora Hille
Mit Resilienz durch die Weihnachtszeit-Artikelbild

Wie ist nur dieses Jahr davongerannt! Heute ist Nikolaus, ein prima Zeitpunkt für die Weihnachtskolumne zur mentalen Gesundheit. Lass uns einmal gemeinsam innehalten und durchatmen.

Gerade ist Jahresendrallye in so vielen Unternehmen, was wollen oder müssen wir noch alles schaffen dieses Jahr. Dazu der ganz normale Alltagstrubel, obendrein Weihnachtsfeiern und -vorbereitungen . Zwischendurch mal eine Kerze anzünden wegen der Besinnlichkeit, Tee trinken, (selbstgebackene) Kekse knabbern, entspannen. Puh – ganz schön viel Programm. Kommst du überhaupt dazu, innezuhalten und zu erkennen, wie es dir geht? Ich wünsche es dir, von Herzen.

Wofür steht Weihnachten, was bedeutet es für dich? Da ist ein Licht in finsterer Nacht. Es weist den Weg, schenkt Hoffnung, stiftet Gemeinschaft. Weihnachten, das Fest der Liebe. Aber auch das Fest der großen Erwartungen, des Kommerzes, des Aufeinandertreffens mit der (Herkunfts)-Familie. Momente der Harmonie, des Miteinanders, der Freude. Momente der Anspannung oder des lauten Streitens. Für zu viele Menschen, egal wie sie die Tage im Äußeren verbringen: Ängste. Trauer. Einsamkeit. Für andere Armut, Obdachlosigkeit. Krankheit. Verzweiflung.

Weihnachten, so schillernd, so wunderbar, zugleich eine Herausforderung. Und doch die Chance auf innere Einkehr und Verbindung. Resilienz, also psychische Widerstandskraft, kann uns besser durch diese Tage bringen, und sie lässt sich trainieren. Deswegen stehen Resilienz und Recovery – also ein heilsamer Umgang mit psychischen Herausforderungen und Erkrankungen – im Zentrum dieser Kolumne.

Gute Nachrichten gibt’s obendrein: Die Kampagne „Gib Depressionen ein Gesicht“ wird seit November fortgesetzt (der Nachruf auf den Gründer Mike Adamczak war in der letzten Kolumne zu lesen), neue Ansprechpartnerin ist Claudia Mecklenburg.

Nur Mut. Fürs Leben.
In der Weihnachtszeit und an jedem einzelnen Tag.

Nora

Dieser Inhalt erwartet dich:

Was bedeutet Resilienz und wie kann ich sie in der Weihnachtszeit stärken?

Resilienz ist unsere seelische Widerstandskraft. Sie lässt sich trainieren wie ein Muskel. Einerseits können wir viel tun, um unsere eigene Resilienz zu stärken (Tipps siehe unten). Andererseits können wir gerade in diesen Tagen bewusst darauf achten, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Können ein Lächeln verschenken, das von Herzen kommt. Unsere Aufmerksamkeit teilen. Jemanden in den Arm nehmen. Damit stärken wir einander.

Wenn wir es wagen und dafür offen sind, mit Liebe und Freundlichkeit in die Welt zu gehen, kommt immer etwas zu uns zurück. Nicht immer gleich, nicht immer auf direktem Weg.

Aber Energie geht nicht verloren, das habe ich schon in der fünften Klasse im Physikunterricht gelernt und merke es in den letzten Jahren immer häufiger.

Tipps für deine Resilienz

  • Schon tagsüber auf Pausen achten, man kann sich beispielsweise auf einen Tee mit sich selbst verabreden.
  • Tageslicht tanken, bevorzugt morgens oder in der Mittagspause, gerne in Verbindung mit Bewegung oder Sport.
  • Priorisieren und Selektieren:
    • Was möchte ich selbst gerne machen, das mir guttut?
    • Welche Termine müssen sein?
    • Überprüfen: Müssen sie wirklich jeder einzelne sein?
    • Welche (berufliche, private oder weihnachtliche Verpflichtungen) kann ich absagen? Ja, hier existiert eine gewollte Redundanz mit dem vorherigen Punkt, weil wir zu oft denken „ich muss“ anstelle eines bewussten und reflektierten „ich will“ beziehungsweise „ich will nicht“.
  • Tagebuch oder Listen schreiben kann helfen, sich innerlich sortierter zu fühlen und anstehende Aufgaben abends besser loszulassen.
  • Sich genug Zeit zum Schlafen nehmen.
  • Atemübungen helfen, bei Stress das vegetative Nervensystem wieder zu beruhigen. Grundregel: Das Ausatmen sollte deutlich länger dauern als das Einatmen. Besonders effektiv bei innerer Anspannung und Ängsten ist nach meiner Erfahrung die S.O.S-Atmung, auch physiologisches Seufzen genannt (tief in den Bauch einatmen, noch einen kleinen Atemzug obendrauf, langsam ausatmen durch den Mund, mehrmals wiederholen). Gerade beim Einschlafen hilft mir die 4-7-8-Atmung (4 Sekunden einatmen tief in den Bauch, 7 Sekunden Luft anhalten, 8 Sekunden langsam ausatmen, mehrmals wiederholen.)

Wenn du selbst aktuell einsam, seelisch belastet oder verzweifelt sein solltest, bitte bleib mit diesen Gefühlen nicht allein, sondern vertraue Dich an. Wende dich an einen nahestehenden Menschen, die Telefonseelsorge, an den lokalen Krisendienst oder an ein*n Ansprechpartner*in im Gesundheitssystem bei psychischen Krisen).

Was bedeutet Recovery?

Resilienz, also unsere seelische Widerstandskraft, hängt eng mit dem Recovery-Begriff zusammen, der für Menschen mit psychischen Erkrankungen relevant ist, weil er für ein unheimlich ermutigendes und stärkendes Konzept steht. Mir hat das nachfolgende Zitat von Andreas Knuf, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, Autor und Leiter des SeeSeminare-Fortbildungsinstituts, geholfen, den komplexen Begriff zu verstehen. Und es hat mich als Mensch, der mit täglichen psychischen Symptomen lebt, restlos für diesen Weg der persönlichen Entwicklung begeistert: „Im Recovery-Ansatz wird die Genesung in den Mittelpunkt der […] Arbeit gerückt, wobei Genesung nicht als Symptomfreiheit verstanden wird, sondern als ein Weg hin zu einem freudvolleren und zufriedeneren Leben.“[1] Ob Betroffene sich dabei einzelnen Menschen in ihrem Umfeld, bei der Selbsthilfe oder in der Psychotherapie anvertrauen oder irgendwann den Schritt in die Öffentlichkeit wagen – die Auseinandersetzung mit den psychischen Herausforderungen gerade auch im Dialog kann ein wichtiger Schritt für den eigenen Recoveryweg werden.

Kampagne „Gib Depressionen ein Gesicht“ geht weiter

Für viele Menschen mit Depressionserfahrung war seit 2021 die Kampagne „Gib Depressionen ein Gesicht“ solch ein Schritt der Selbstermächtigung. Bis Sommer 2025 haben über 4.000 Menschen mit ihrem Foto und Namen teilgenommen. Ich war einer davon. Als ich in der letzten FemalExperts-Kolumne den Nachruf auf Mike Adamczak, Gründer von „Gib Depressionen ein Gesicht“ veröffentlicht habe, intensivierte sich einer meiner Instagram-Kontakte. Dann die wunderbare Nachricht: Die Kampagne wird fortgesetzt! Claudia Mecklenburg ist dafür die neue Ansprechpartnerin.

Claudia und ich kennen uns seit Sommer dieses Jahres über Instagram. Sie schreibt auf ihrem Blog „Raus aus dem Drama“ ebenfalls über mentale Gesundheit. Außerdem unterstützt sie als so genannter Peer beruflich Menschen, die von psychischen Erkrankungen oder Krisen betroffen sind. Peer bedeutet, dass Claudia selbst tiefgreifende Erfahrungen mit Depression und weiteren seelischen Herausforderungen erlebt hat, mittlerweile aber so stabil ist und so viel Wissen aufgebaut hat, dass sie andere auf ihrem Genesungsweg begleiten kann.

Warum ist ihr dieses ehrenamtliche Engagement so wichtig, will ich wissen? „Als ich mich an der Kampagne beteiligte, hatte ich mich erst ein halbes Jahr zuvor öffentlich auf Facebook zu meinen Depressionen bekannt. Rückblickend war diese neue Offenheit, soviel Mut und Überwindung sie mich auch gekostet hat, ein immens wichtiger Schritt auf meinem eigenen Genesungsweg. Denn durch sie habe ich Scham und Angst vor Ablehnung wegen meiner psychischen Erkrankung überwinden können. Mit meinem ehrenamtlichen Engagement für die Fortsetzung der Kampagne ,Gib Depressionen ein Gesicht‘ möchte ich genau an diesen beiden Punkten ansetzen: Die (Selbst-)Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen beenden. Und Betroffenen zeigen, dass sie mit ihren Herausforderungen nicht alleine sind und dass es keinerlei Grund gibt, sich für diese zu schämen.“

Claudia Mecklenburg ist neue Ansprechpartnerin der Kampagne „Gib Depressionen ein Gesicht“

Mitmachen bei „Gib Depressionen ein Gesicht“

Wer selbst von Depressionen betroffen ist, kann zur/m Mutmacher*inin werden und sein Foto zusammen mit dem Online-Teilnahme-Formular) einsenden. Fragen zur Kampagne, die auf Instagram und Facebook veröffentlicht wird, beantwortet Claudia gerne über das Kontaktformular der Website.

Mehr über Claudia Mecklenburg, ihren Blog, die Angebote zur Peer-Unterstützung und über ihre eigene Geschichte erfährst du auf ihrer Homepage.

Siehe auch
Woche der Seelischen Gesundheit 2025-Artikelbild2

Meine Weihnachtswünsche für dich

Ja, es gibt wohl genug Gründe, Weihnachten differenziert zu sehen oder gar abzulehnen. Unser modernes Stichwort „Konsumgesellschaft“ war schon vor 200 Jahren ein Kritikpunkt an diesem Fest:

Weihnachten ist die große Zeit des Zuviel.

Leigh Hunt (1784-1859, englischer Schriftsteller)

Wie viel schöner, wenn wir uns unabhängig von Konsum, Glaubensrichtungen oder Nicht-Glauben und möglichen mentalen Herausforderungen dem ursprünglichen Gedanken von Weihnachten sanft wieder annähern. Es mag gelingen, indem wir diesem Zitat nachspüren:

Jeden Tag ein bisschen Liebe verschenken, heißt jeden Tag ein bisschen Weihnachten haben.

Monika Minder (*1961, Schweizer Dichterin)

Liebe.

In Krisenzeiten können wir sie womöglich nicht spüren. Aber sie kann wieder lebendig werden selbst nach Jahren der Finsternis.

Sie ist überall. Im Miteinander. In unserer Sicht auf die Welt. Womöglich spürst du sie intensiv. Oder sie nistet gerade jetzt als zarte Flamme in deinem Herzen, unbemerkt. Wir dürfen sie uns selbst schenken und damit unsere mentale Gesundheit so sehr stärken.

Komm gut durch die Weihnachtstage, das wünsche ich dir.

Alles Liebe
Nora


[1] Knuf, Andreas: Recovery und Empowerment, 2020, 12f

Über die Autorin

Nora Hille
+ Beiträge

„Worte können unsere Seele streicheln und Menschen miteinander verbinden. Ich schreibe, um zu berühren und zu ermutigen.“ Tiefe Einblicke in eigenes Erleben und psychische Herausforderungen kombiniert mit journalistisch recherchierten Fakten, dazu eine Prise literarisches Schreiben – seit 2022 verfasst Nora Hille die Mental Health-Kolumne für FemalExperts. Ihre ermutigende Botschaft: Seelische Krisen lassen sich bewältigen. Auch mit einer psychischen Erkrankung kann ein gelingendes Leben wieder möglich werden. Und wir alle können so viel tun, um unsere mentale Gesundheit zu stärken.
Noras Bücher:
„Wenn unsere Seele Hilfe braucht. Ermutigende Kurzgeschichten, die zeigen: Reden hilft!“ (Kinderbuch, Zaradiso Verlag, 2025).
„Wenn Licht die Finsternis besiegt. Mit bipolarer Erkrankung Leben, Familie und Partnerschaft positiv gestalten.“ (Erzählendes Sachbuch, Palomaa Publishing, 2023)
Nora Hille ist Jahrgang 1975, glücklich verheiratet, zwei Kinder und genauso viele Katzen. Studium Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften. 12 Jahre Arbeit im Bereich Kommunikation/PR. Aus gesundheitlichen Gründen verrentet. Schwerpunktthemen ihrer Veröffentlichungen sind mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen. Außerdem verfasst sie literarische Essays, Gedichte (sehr gerne Haikus), Kurzprosa und Gastartikel.
Mit Aufklärung und Anti-Stigma-Texten setzt Nora sich gegen Ausgrenzung und Abwertung psychisch erkrankter Menschen in unserer Gesellschaft ein für mehr Miteinander, Toleranz und Gleichberechtigung. Nora Hille ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. und von Hab Mut, zeig Gesicht e.V.

Auf Instagram zu finden unter: @norahille_autorin

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Claudia Mecklenburg
1 Monat zuvor

Liebe Nora, liebes FemaleExperts-Team,

von Herzen Dankeschön für diese wundervolle und wichtige Mental Health Kolumne und in diesem Fall für die wundervolle Vorstellung meiner Herzensprojekte:

  • meiner Arbeit als Peer,
  • meinem Blog “Raus aus dem Drama” und
  • der ehrenamtlichen Fortsetzung der Kampagne “GIB DEPRESSIONEN EIN GESICHT”.

Ich wünsche jedem eine möglichst ruhige und besinnliche Weihnachtszeit.
Alles Liebe,
Claudia Mecklenburg

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