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Mentale Gesundheit: Warum am Muttertag zwei Herzen in meiner Brust schlagen

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Dunkel Hell

Mentale Gesundheit: Warum am Muttertag zwei Herzen in meiner Brust schlagen

Nora Hille
Mentale Gesundheit Warum am Muttertag zwei Herzen in meiner Brust schlagen-Titelbild

In wenigen Tagen, am 08. Mai, ist Muttertag. Ein Tag, der uns die Chance bietet, uns einmal mit den gesammelten Erfahrungen unseres Tochter-Seins, Mutter-Habens und womöglich gar unseres eigenen Mutter-Seins auseinanderzusetzen.

Wie geht es Euch mit diesem bevorstehenden Feiertag? Freut ihr Euch schon darauf, mit Eurer Mutter live oder am Telefon zu tratschen, Erinnerungen hervorzuholen und gemeinsam zu lachen? Was für eine schöne, warmherzige Vorstellung. Oder existiert keine Mutter (mehr) in eurem Leben und dieser Tag ist irgendwo zwischen einem tiefen inneren Schmerz und „mir doch egal“ angesiedelt? Vielleicht habt ihr Kinder und freut Euch ganz vorbehaltlos auf diesen Tag mit eurer Familie?

Ich selbst bin hin- und hergerissen. Falls mich meine Tochter (9) mit einem Bild überrascht oder mir mein Sohn (13) „Alles Liebe zum Muttertag, Mama!“, wünscht, freue ich mich natürlich. Und trotzdem bleibe ich befangen. Sollten wir uns nicht jeden Tag gegenseitig unsere Zuneigung zeigen statt nur zu speziellen Terminen wie auf Knopfdruck?

Es gibt nicht die perfekte Mutter-Tochter-Beziehung

Meine innere Zerrissenheit begleitet mich schon lange. Sie stammt aus der Zeit, als ich die in Kindergarten und Grundschule vorgegebenen Basteleien zum Muttertag produzierte. Morgens marschierte ich dann noch vor deren Übergabe mit meinem Taschengeld zum Blumenladen – ich hatte den Eindruck, das wurde von mir erwartet. Meine Gaben wurden von meiner Mutter gnädig entgegengenommen. Aber wie echte, warme Liebe fühlte sich das für mich nie an.

Vielleicht bin ich deswegen ein bisschen neidisch auf die Frauen in meinem Umfeld, die eine liebevolle erwachsene Beziehung auf Augenhöhe zur eigenen Mutter haben, manche sogar ein freundschaftliches Verhältnis. Denn eine derartige Mutter-Tochter-Beziehung kann wohl von beiden Seiten als stärkend erlebt werden und im besten Fall beider inneren „Liebestank“ (Der Begriff „Liebestank“ stammt von Gary Chapman: „Die fünf Sprachen der Liebe. Wie Kommunikation in der Partnerschaft gelingt.“ bzw. „Die fünf Sprachen der Liebe für Kinder“. Nach Chapman sind die fünf Sprachen der Liebe 1. Lob und Anerkennung, 2. Zweisamkeit, 3. Geschenke, die von Herzen kommen, 4. Hilfsbereitschaft und 5. Zärtlichkeit.) wieder auffüllen.

Es ist okay, die eigene Gesundheit über das Wohlbefinden der Mutter zustellen

Unsere Eltern sind die Menschen, die uns am stärksten prägen. Gerade bei Mutter-Tochter-Beziehungen kommt der Mutter dabei eine Schlüsselstellung zu, ist sie doch unser erstes Role Model, mit dem wir uns identifizieren wollen, von dem wir uns mitunter (vor allem in der Pubertät oder als Erwachsene) aber auch abgrenzen müssen.

Unsere Mutter ist der Mensch, der uns schon vor unserer Geburt in seinem Körper getragen hat, dessen Stimme und Herzschlag wir kannten, bevor wir in diese Welt hineingeboren wurden. Lebensstil und Stimmungen der Mutter während der Schwangerschaft beeinflussen nachweislich das Ungeborene und können den Start ins Leben positiv wie negativ beeinflussen – noch bevor der erste Atemzug getan ist. Die Beziehung zur Mutter bleibt zumeist für unser ganzes Leben relevant.

Gab es in Kindheit und Jugend aber viele Verletzungen, Lieblosigkeit oder gar traumatische Erfahrungen, so ist der Muttertagsgruß für manche von uns reine Pflichterfüllung und damit auch eine mentale Herausforderung, die es zu meistern gilt. Wieder andere mussten sich zum Schutz ihrer seelischen Gesundheit komplett von ihrer Mutter abgrenzen, teils bis hin zum befristeten oder dauerhaften Kontaktabbruch. Und ja: auch das ist okay, wenn wir dadurch für uns und unsere psychische Gesundheit sorgen. Unterm Strich lässt sich sagen, dass die Art, wie wir die Beziehung zu unserer lebenden oder verstorbenen Mutter erfahren haben oder diese mitgestalten konnten, oft einen langandauernden Einflussfaktor auf unser psychisches Wohlbefinden darstellt.

Mein persönlicher Umgang mit dem Muttertag und was dieser mit Mental Health zu tun hat

Ich habe zu meiner Mutter leider eine sehr schwierige Beziehung – beinahe schon eine Nicht-Beziehung. Unser Kontakt läuft meistens auf Sparflamme. Trotzdem setze ich mich immer wieder gedanklich mit ihr, mit Schlüsselszenen der gemeinsamen Vergangenheit und mit unserem Verhältnis auseinander. Im letzten Jahr ist dabei ein Muttertagsgedicht entstanden, das ich ihr geschenkt habe. Es hat zwar nichts an unserem Verhältnis verändert, ist für mich aber ein versöhnlicher Akt gewesen. Und ich habe beim Schreiben des Gedichtes und zu anderen Zeiten immer wieder für mich festgestellt: Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber, auch wenn sie in dem Moment schmerzt, hilft mir, meine psychische Balance zu halten. Im Alltag genauso wie an Feiertagen oder bei Familientreffen. Denn in meiner Seele wohnen Freude und Schmerz, Licht und Finsternis; vor allem aber eine große Liebe zum Leben und zu meiner eigenen kleinen Familie. Deswegen möchte ich mich hier gern authentisch zeigen und als thematische Klammer diesen Artikel zum Thema Mental Health und Muttertag mit dem von mir verfassten Gedicht abschließen.

Allen Leser*innen wünsche ich für den 08. Mai einen Muttertag – oder eben einen ganz normalen Tag – den sie nach ihren individuellen Bedürfnissen so für sich gestalten, dass sie innerlich bei sich und damit in ihrer Balance und Kraft bleiben.

Siehe auch
Mehr mentale Gesundheit durch Kreativität-Freude schenken mit Wandersteinen-Titelbild

Das Band

Auch wenn wir beide
in unserer Beziehung
die Liebe oft weder sehen
noch spüren konnten
ist da doch ein Band,
das uns zusammenhält.

Du Mutter durch mich,
ich Tochter durch Dich.
Heute selber Mutter
reihe ich mich ein
in das ewig Weibliche.

Es ist mehr als Biologie,
was uns verbindet.
Da sind Erinnerungen und Erfahrungen,
Verletzungen zuhauf.
Wunden, die heilen können
mit der Zeit.

Es gibt keine andere Mutter
als dich für mich.
Es gibt keine andere Tochter
als mich für dich.

Die Zeit, die uns noch bleibt, nimmt ab.
Vielleicht können wir Frieden schließen
in unseren Herzen und miteinander.

Über die Autorin

+ Beiträge

Nora Hille, Jahrgang 1975, lebt in Norddeutschland, ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Katzen. Studium Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften. 12 Jahre Arbeit im Bereich Kommunikation/PR. Aus gesundheitlichen Gründen verrentet. Schreibt als Betroffene und Erfahrungsexpertin zu den Themen Mental Health, Psychische Erkrankungen und engagiert sich für die Anti-Stigma-Arbeit, also gegen die Stigmatisierung (Ausgrenzung) psychisch Kranker in unserer Gesellschaft für mehr Miteinander und Toleranz. Außerdem verfasst sie literarische Essays, Gedichte und Kurzprosa.

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