Gerade lesend
In der Ruhe liegt die Kraft: Drei Schritte zu mehr Gelassenheit

In der Ruhe liegt die Kraft: Drei Schritte zu mehr Gelassenheit

Josefin Hahn
In der Ruhe liegt die Kraft-Drei Schritte zu mehr Gelassenheit-Artikelbild

Drei Impulse aus den Bergen – für Tage, an denen alles zu schnell, zu viel, zu eng wird.

Ich habe Gelassenheit nicht aus Büchern gelernt. Ich habe sie erlebt – Schritt für Schritt in den Bergen. Dort zeigt dir die Natur sehr schnell, was funktioniert. Und was eben nicht. Du kannst sie nicht überlisten. Du kannst sie nicht „wegorganisieren“. Und du kannst mit Druck rein gar nichts gewinnen.

Drei Dinge nehme ich seit Jahren aus dem Hochgebirge mit – und genau diese drei helfen mir auch im Alltag: im Business, in Projekten, in Entscheidungen, in diesen ganz normalen Tagen, die manchmal alles andere als normal sind.

1. „Pole pole“: Wenn du es eilig hast, geh langsam

Am Kilimandscharo war ich am Anfang so motiviert, dass ich am liebsten losgerannt wäre. Das ist ja auch das, was wir im Alltag oft tun: neues Projekt, neue Idee, neuer Plan – und sofort wollen wir alles ganz schnell umsetzen.

Unser Bergführer hat uns immer wieder gebremst. Ständig wiederholte er (weil wir es ihm anfangs nicht glaubten): „Pole pole.“ Langsam.

Und das Verrückte: Wir wurden ständig von anderen Bergsteiger*innen überholt. Menschen zogen an uns vorbei, als würden sie es „besser“ machen. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: Wie sollen wir denn jemals oben ankommen, wenn wir uns gefühlt kaum bewegen?

Wir kamen oben an. Alle. Als Gruppe.

Nicht trotz der Langsamkeit – sondern wegen der Langsamkeit.

Gelassenheit ist im Alltag oft genau das: dich nicht von diesem „Alle sind schneller als ich“-Gefühl treiben zu lassen. Sondern zu erkennen: Mein Tempo ist nicht peinlich. Es ist klug. Manchmal ist es sogar das Einzige, was dich wirklich ans Ziel bringt.

Ich nutze dafür gern ein recht drastisches Bild aus Nepal, das ich selbst miterlebt habe: Dort gibt es Luxustouristen, die sich mit dem Helikopter hochfliegen lassen – innerhalb von 45 Minuten auf über 5.000 Meter. Was denkst du, was passiert? Der Körper kommt nicht mit. Viele steigen aus – und übergeben sich erstmal. Weil der Körper keine Zeit hatte, sich auf den Höhenunterschied einzustellen.

Und manchmal ist es im Alltag genauso: Wir wollen sofort oben sein – Ergebnis, Lösung, Klarheit, Erfolg. Aber unser System ist nicht dafür gebaut, über Nacht in eine Höhe zu springen, für die es eigentlich Zeit braucht.

Mini-Impuls für deinen Alltag:
Wenn du merkst, du wirst ungeduldig (mit dir, mit anderen, mit dem Tempo):
Sag einmal innerlich „Pole pole“ – und mach die Sache absichtlich einen Tick langsamer.
Nicht als Trotz. Sondern als deine bewusste Entscheidung.

2. Jeder Schritt bringt dich weiter, auch wenn er winzig ist

Am Lobuche in Nepal (6.119 m) hing ich irgendwann in einer steilen Passage am Seil. Mir war schlecht. Ich war erschöpft. Ich hatte keine Lust mehr. Und ich erinnere mich sehr genau an diesen Moment, der so banal klingt – aber so typisch ist:

Ich komme nicht voran.

Kennst du das? Du bist in einem Projekt, in einer Phase, in einer Entscheidung – und plötzlich fühlt es sich an, als würdest du auf der Stelle treten. Und genau dann kommt dieser Gedanke: Das wird eh nie fertig. Das dauert ewig. Ich schaffe das nicht.

Am Berg war Aufhören für mich keine Option. Also habe ich etwas gemacht, was ich heute auch im Alltag oft empfehle:

Ich habe so wenig gemacht, wie es mir gerade noch möglich war. Und meine eigene Erwartungshaltung verkleinert.

Nicht „bis zum Gipfel“, nicht „nur noch eine Stunde durchziehen“, nicht „jetzt zusammenreißen“ – sondern: ein Schritt.
Dann Pause.
Dann wieder ein Schritt.

Ich hing im Seil, atmete, machte einen Schritt. Wieder Pause. Wieder Schritt. Wieder Pause. Und so weiter. Viele, viele Male. Und irgendwann hörte ich Stimmen über mir und dachte: Hä? Wo kommt der Gipfel denn jetzt her?

Er kam nicht plötzlich. Er kam durch das Dranbleiben an winzigen Schritten.

Das ist Gelassenheit: nicht unbedingt weniger zu tun – sondern den Druck rauszunehmen, wie groß der nächste Schritt sein muss.

Mini-Impuls für deinen Alltag:
Wenn etwas groß wirkt, mach es klein.

  • Ein Blatt. Ein Absatz. Ein Telefonat.
  • 10 Minuten statt „heute alles“.
  • Ein Strich statt „perfekt“.

Du wirst überrascht sein, wie weit du kommst, selbst wenn der nächste Schritt noch so winzig klein ist.

3. Du bist nicht deine Gedanken und Erwartungen sind oft nur Vermutungen

Der dritte Stressmacher ist leiser – aber leider extrem wirksam: unsere Gedanken.

Ich kenne das sehr gut aus meiner Zeit als Juristin. Fristen. Erwartungen. Verlässlichkeit. Dieses Gefühl: Irgendjemand verlässt sich auf mich. Ich darf jetzt nicht „zu langsam“ sein. Und ja: oft kommt der Druck tatsächlich von außen. Aber noch häufiger kommt er von innen – als innerer Satz, den wir irgendwann gelernt haben.

Am Aconcagua (6.962 m) hatte ich plötzlich ein Problem mit dem Knöchel. Ich konnte ihn nicht mehr “steuern”, er knickte immer wieder seitlich weg. Und ich war gezwungen, etwas zu tun, was vielen von uns schwerfällt:

Siehe auch
Happy Birthday liebe Mental-Health-Kolumne-Artikelbild

Mein Ziel kurz loszulassen. Und mich um das zu kümmern, was gerade wirklich dran ist.

Meine Erwartung war: Gipfel.
Mein Körper sagte: Pause.

Und da beginnt der eigentliche Weg zu mehr Gelassenheit: nicht in der perfekten Planung, sondern in der Frage:
Was passiert wirklich, wenn es gerade nicht so läuft wie gedacht?

Und noch wichtiger:
Wessen Erwartungen trage ich da gerade?

Manchmal sind es reale Deadlines. Und manchmal sind es vermeintliche Erwartungen. Ich habe in den Bergen erlebt, wie ich dachte, ich „halte alle auf“ – und später sagte jemand: „Ich war froh, dass wir langsamer waren. Ich hatte Knieschmerzen, hätte mich aber nie getraut, es zu sagen.“

Das ist so ein klassisches Muster: Wir stressen uns, weil wir etwas annehmen. Und handeln dann so, als wäre es eine Tatsache.

Mini-Impuls für deinen Alltag:
Wenn die Gedankenspirale losgeht (Hollywood in deinem Kopf, Worst-Case-Szenarien):
Frag dich:

  • Ist das gerade ein Fakt – oder ein Film?
  • Was weiß ich wirklich?
  • Und was würde ich tun, wenn ich mir selbst mehr glauben würde als dieser Stimme im Kopf?

Du bist nicht deine Gedanken. Du bist diejenige, die sie beobachten kann.


Zum Schluss

Gelassenheit heißt nicht: nie gestresst sein.
Gelassenheit heißt: du merkst früher, wenn du dich selbst zu sehr antreibst.

Und dann triffst du eine neue Entscheidung.
Vielleicht ist sie klein. Vielleicht ist sie nur ein Atemzug.

Aber genau so beginnt Veränderung.

Pole pole.
Ein kleiner, langsamer Schritt.

Über die Autorin

Josefin Hahn
Website |  + Beiträge

Ich begleite Menschen dabei, mit Hilfe der Natur zurück zu ihrer inneren Ruhe und mentalen Stärke zu finden. Denn: Innere Ruhe, mentale Stärke und entspannte Gedanken sind kein Luxus, sondern sie sind die Basis für gute Entscheidungen, gesunde (Selbst-) Führung und nachhaltige Zusammenarbeit. Ich bin zertifizierte Natur-Mentaltrainerin mit beruflichem Hintergrund als Juristin im Bereich erneuerbare Energien. Aus dieser Zeit weiß ich, was hohe mentale Belastung, Zeitdruck und komplexe Entscheidungen im Unternehmenskontext bedeuten. Heute verbinde ich mentales Selbstmanagement, Naturbewusstsein und Achtsamkeit zu einem Ansatz, der nicht bei Erkenntnissen stehen bleibt, sondern nachhaltig wirkt – in einer (Arbeits-) Welt, die schnell, anspruchsvoll und oft überfordernd ist. Meine Arbeit ist geprägt von echter Erfahrung: durch Natur-Mental-Training, bewusste Reflexion, klare Strukturen und – wo sinnvoll – auch durch Impulse aus meiner Erfahrung als Bergsteigerin (bis fast 7.000 m). Es geht um innere Stabilität, Fokus, Ausdauer und die Fähigkeit, auch in herausfordernden Situationen bei sich zu bleiben. Ich arbeite erlebnisbasiert – im Wald, in der Natur, im Seminarraum oder im 1:1-Setting. Theorie ist dabei immer Mittel zum Zweck, nicht das Ziel.

Nach oben scrollen