Es gibt Erfahrungen, die so massiv auf unser ganzes System, auf unseren Körper und Geist wirken, dass unser Verstand sie im Moment des Geschehens nicht verarbeiten kann. Es ist, als würde man versuchen, einen ganzen See in ein kleines Glas zu füllen, es geht einfach nicht.
Um uns vor dieser Überflutung an Reizen zu schützen, besitzt unsere Psyche eine Art automatischen Sicherheitsmodus: die sogenannte Dissoziation.
Distanz als Rettung
Geraten wir also in eine solche Situation, passiert etwas sehr Hilfreiches: Wenn Flucht oder Kampf nicht mehr möglich sind, zieht das Gehirn die Notbremse.
- Ein Teil in uns stellt das Überleben sicher. Er sorgt dafür, dass wir weiter atmen, uns bewegen und später wieder im Alltag funktionieren.
- Der andere Teil steckt das Geschehene in eine Schublade und verschließt sie. Hier wird der unerträgliche Schmerz, die Angst und alle Erinnerungen an die traumatische Erfahrung verwahrt. Im Alltag haben wir keinen Zugriff auf die Schublade, denn auch sie wird erst mal vergessen.
Das ist der Grund, warum viele Betroffene zwar wissen, dass etwas passiert ist, es sich aber auf der Gefühlsebene nicht greifbar anfühlt. Es ist, als wäre die Verbindung zwischen dem Wissen und dem Fühlen unterbrochen. Es zeigen sich vielleicht Fragmente der Erinnerung ganz plötzlich im Alltag: Gerüche, Gefühle, sogenannte Trigger, die man sich lange nicht erklären kann. Auch das zutiefst belastende Gefühl von Schuld und Scham wird von den meisten Betroffenen beschrieben.
Andere können sich an gar nichts mehr erinnern – ein Vergessen auf Zeit, damit das Leben erst einmal weitergehen kann. Für viele ist es ein reines Überleben, denn das alltägliche Leben mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist in vielen Lebensbereichen stark eingeschränkt.
Warum das Vergessen keine Fehlfunktion ist
Unser Nervensystem schützt uns solange vor dem erlebten Schrecken, bis wir in der Lage sind und die Kraft haben, uns damit auseinanderzusetzen. So bekommen wir die Möglichkeit geschenkt, trotz des Traumas unser Leben weiterzuführen, weit weg von der Wucht der damaligen Ereignisse.
Die Rückkehr der Erinnerungen
Dass die Erinnerung nach Monaten, Jahren oder sogar Jahrzehnten plötzlich wiederkehrt, so real, als wäre es gerade erst geschehen, ist meist ein Zeichen für die wiedergewonnene innere Stabilität. Es bedeutet, dass nun endlich die Kraft vorhanden ist, das Erlebte anzusehen.
Wenn sich der Nebel lichtet und die Betäubung nachlässt, spüren wir den Schmerz in vollem Ausmaß. So anstrengend diese Phase auch sein mag, sie bringt auch eine neue Klarheit mit sich. Viele Betroffene berichten, dass sie sich endlich wieder richtig spüren können, ihren Körper, ihre Gefühle, aber auch ihre persönlichen Grenzen, vielleicht zum erstem Mal überhaupt. Die Energie, die all die Zeit dafür benötigt wurde, um das Erlebte sicher in der Schublade zu verschließen, kann nun endlich wieder frei fließen. Die Dissoziation ist irgendwann nicht mehr notwendig. Wir lernen, uns wieder als vollständige Person wahrzunehmen, mit all unseren Empfindungen und den Signalen unseres Körpers. So kann das Ereignis letztlich zu einem Teil der eigenen Geschichte werden. Diese Phase birgt jedoch auch Herausforderungen, denn gerade dann fühlen wir uns oft besonders verletzlich und überfordert.
Erkennst du dich wieder?
Wenn du spürst, dass die Vergangenheit dich einholt, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass du jetzt bereit bist, die ganze Wahrheit deiner Geschichte anzunehmen. Dein Körper, dein Geist und deine Seele senden dir das Signal, dass du bereit bist, es vollständig anzusehen, zu verstehen und am Ende endlich loszulassen.
Du erkennst, dass du nicht mehr die Person bist, die du einst warst. Du fühlst dich sicherer, erkennst deine Ressourcen, deine Kraftquellen, und hast die Energie, dir Unterstützung zu suchen. Der Schmerz zeigt dir heute noch, wie tief die Wunde war. Doch du bist jetzt bereit für den nächsten Schritt.
Du hast damals überlebt, indem du vergessen hast. Heute kannst du heilen.
Und diesen Weg musst du nicht alleine gehen! Es braucht einen sicheren Rahmen.
Es gibt spezialisierte Fachberatungsstellen, die für dich da sind. Hier findest du einen Raum, in dem das Unaussprechliche ausgesprochen werden darf. Die Expert:innen verstehen deine Ängste, deine Unsicherheit und dein Trauma. Sie bieten dir Unterstützung an, die meist kostenlos und auf Wunsch auch anonym ist.
Du bist nicht allein, auch wenn es sich für dich lange Zeit so angefühlt hat.
Fühl dich umarmt!
Yve
Über die Autorin
Ich bin Autorin aus Leidenschaft. Seit einigen Jahren teile ich mein Wissen über mentale Gesundheit, das Nervensystem und ganzheitliche Körperarbeit in meinen Texten. Zwei Bücher habe ich bereits veröffentlicht – weitere sind schon in Arbeit. Alles, worüber ich schreibe, basiert auf fundiertem Fachwissen und praktischer Erfahrung. Seit sechs Jahren begleite ich Frauen auf ihrem Weg zu mehr Körperbewusstsein, Gesundheit und innerer Balance. Als ausgebildete Entspannungspädagogin und zertifizierte Qigong-Lehrerin verbinde ich westliche Methoden wie Übungen aus der Atemtherapie mit fernöstlicher Weisheit der TCM und dem japanischen Heilströmen. Mit meinen Büchern und Impulsen möchte ich dich inspirieren, dir selbst mit mehr Achtsamkeit, Leichtigkeit und Selbstfürsorge zu begegnen.







Starker Artikel über ein so wichtiges und häufig total unterschätztes Thema. Danke für diese Einblicke!